40. Valencia Marathon am 6. Dezember 2020 – Halbmarathon: Ein Lauf für die Geschichtsbücher

Der Kenianer Kibiwott Kandie (KEN) krönte die 40. Ausgabe des Valencia Marathon am 6. Dezember 2020 mit einem phantastischen Weltrekord über die Halbmarathondistanz von 57:32 Minuten. Damit „pulversierte“ im Sinne des Wortes  der beste Läufer über diese Distanz in der Saison 2020 die globale Bestmarke von Geoffrey Kamworor von 58:01 um fast eine halbe Minute. Und genauso sensationell war die Leistungsbreite in diesem Rennen, in dem weitere 3 Athleten unter 58 Minuten ins Ziel kamen. Das sind vom Leistungsniveau als auch von der Leistungsbreite fürwahr historische Dimensionen. Man kann ohne Übertreibung vom besten Straßenlauf-Event aller Zeiten sprechen. Dem standen die Frauen – obwohl man eher hier einen Rekord erwartet hatte – deutlich nach, wobei aber auch der Topstar auf der Bahn Genzebe Dibaba (ETH) in 1:05:18 mit dem zweitschnellsten Debüt glänzte.

Die Spitzengruppe im Halbmarathon nach 6 km. Vorne (#24) der „Hase“ Bravin Kiptoo, der durchlief und in 59:37 Siebter wurde. (c) Livestream/Screenshot

Dass man am Ende dem Marathon mit der halben Distanz die Show stiel, lag auch an einem sehr konzentierten Anlaufen des Rennens, bei dem der erste Kilometer für die beiden Tempomacher in 2:35 Minuten und 2:38 für eine zahlreiche Kopfgruppe zurückgelegt wurde. Über 5:19 für 2 km und 8:02 sowie 8:07 für 3 km erreichte man die 5 km in 13:37 und lag da schon auf Kurs zu aberwitzigen 57:27. Nach 16:21 für 6 km und 19:03 für 7 km hatte sich daran auch nach 8 km in 21:49 mit einer Projektion auf 57:32 wenig geändert. Mit einem 5 km-Abschnitt in 13:48 erreichte man 10 km in 27:25 etwas schneller als im Vorfeld geplant. Hier quittierte der letzte Tempomacher Bravin Kiptoo (KEN), der Bruder vom 10 km Weltrekordler und Debütanten Rhonex Kipruto (KEN), seine Dienste, er lief aber etwas moderater weiter und erreichte als Siebter in 59:37 das Ziel.

Kibiwott Kandie gewann den Halbmarathon in Valencia mit neuem Weltrekord von 57:32. (c) Livestream/Screenshot

Die Spitzengruppe reduzierte sich nun auf fünf Akteure. Neben Kandie und Kipruto waren das der neue Weltmeister im HM Jacob Kiplimo (UGA), Alexander Mutiso sowie Philemon Kiplimo (KEN), die bei 14 km in 38:29 trotz etwas langsamerer Fahrt noch exakt auf WR-Tempo lagen. 15 km erreichte das Quintett nach 41:10 – der Weltrekord über diese Distanz von Joshua Cheptegei mit 41:05 ist nur 5 Sekunden flotter -, wobei nach 16 km in 43:51 nun Kandie an die Spitze ging und maßgeblich für das Tempo sorgte.

Dazu der spätere Sieger: „I thought: I am not going to make the same mistake as I did at the World Half Marathon Championships and push too late. I knew we could get the world record and I really wanted the world record“. Bei 18 km in 49:20 war Philemon Kiplimo als erster der Fünfergruppe aus der Spitze herausgefallen, kurz darauf setzten sich vorne Kandie, Jacob Kiplimo und Kipruto ab, wobei bei 20 km in 54:42 – das war der erste WR des Tages – nur noch Kibiwott Kandie und Jacob Kiplimo in Front lagen. Die Beiden hatten damit die letzten 10 km in aberwitzigen 27:17 zurückgelegt.

Der Sieger und neue Weltrekordler Kibiwott Kandie und die Zeiten der vier Erstplatzierten. (c) Livestream/Screenshot

Dass nun in Valencia ein neuer Weltrekord im Halbmarathon anstand, war schon am 20 km-Split von 55:00 von Kamworor bei seinem Weltrekord in Kopenhagen im Jahr 2019 zu ersehen. Dabei konnte Kandie im Finale sogar noch einmal zulegen, und er gewann den Lauf in der Fabel-Weltrekordzeit von 57:32. Weltmeister Jacob Kiplimo wurde in 57:37 knapp geschlagen Zweiter und der Debütant Rhonex Kipruto in 57:49 Dritter. Somit gelang Kandie, der im Jahr 2020 nun viermal unter 59 Minuten gerannt ist, die Revanche für die Niederlage gegen Kiplimo bei der WM im Oktober in Gdynia. Dazu der neue Inhaber des Halbmarathon-Weltrekords: “To break Geoffrey Kamworor’s record by 30 seconds is a very great achievement, and I’m glad to make Kenya very happy.” Und auch sein Landsmann Alexander Mutiso blieb mit 57:59 unter dem bestehenden Weltrekord und der Schallmauer von 58 Minuten.

„The Masked Winner“: Kibiwott Kandie präsentiert das bereits im Vorfeld angefertigte Schild für einen Weltrekord und war nach 57:32 Minuten härtester Arbeit ca. 170.000 US$ reicher. (c) Livestream/Screenshot

Im Ziel schafften es 6 Läufer unter 59 Minuten, auch dies ist ein neuer Rekord. Dagegen, dass man mit einer Zeit von 58:11 „nur“ Fünfter wurde, wie es Philemon Kiplimo (KEN) erging, hätte man im Vorfeld sicher ein Vermögen gesetzt. Als Geoffrey Kamoror vor gut einem Jahr den Halbmarathon-WR mit 58:01 Minuten in Kopenhagen „pulveriserte“, dachte man an einen „Rekord für die Ewigkeit“. Aber ähnlich wie bei Kipchoges Ausnahmezeit im Marathon sind heutzutage auch solche Marken keineswegs sicher. Mit Debütant Rhonex Kipruto und seinem Bruder Bravin stehen Ausnahmeläufer bereit, die schon in Kürze in die Regionen von 57 Minuten laufen könnten. Bester Europäer wurde der Schweizer Julian Wanders (SUI), er blieb auf Platz 8 in 59:55 als letzter Läufer unter einer vollen Stunde.

Die außergewöhnlichen Zeiten haben auch Konsequenzen im Standing Valencias in der globalen Halbmarathon-Szene, wo bisher der Lauf im Vereinigten Arabischen Emirat Ras Al Khaimah (RAK) das Nonpuls-Ultra bedeutete. Nimmt man das Zehnermittel der besten Zeiten auf dem jeweiligen Kurs als Kriterium, so lag bisher RAK mit grandiosen 58:51 vorne. Seit heute hat sich Valencia mit einem Mittel von 58:22 deutlich an die Spitze gesetzt, vor RAK und Kopenhagen, der Schauplatz des vorigen Weltrekords, mit 58:56. Die (Vormacht-) Stellung Valencias in Sachen Elitelauf zeigen fünf Weltrekorde über die Langstrecken auf Bahn und Straße, die zuletzt in einem Zeitraum von einem Jahr hier aufgestellt wurden. Die Schilder mit dem Hinweis auf einen Weltrekord gehören hier schon zur Grundausstattung  bei der Vorbereitung.

Bei aller Euphorie über die unfassbaren Zeiten an der Spitze sollte man einen Moment innehalten und versuchen zu verstehen, was da heute in Valencia „gelaufen“ ist. Es mutet schon seltsam an, wenn ein „Nobody“ mit 57:59 Weltrekord im Halbmarathon läuft … und trotzdem nur Vierter wird! Neben fast optimalen äußeren Bedingungen mit Temperaturen um 10°C bei einem Taupunkt von 0°C – der Wind war deutlich schwächer als vorhergesagt und kein leistungshemmender Faktor – kommen da natürlich wieder die „Schuhe“ in den Fokus, wobei der neue Weltrekordler nicht mit den legendären „Vaporflys“ aus Beaverton unterwegs war – wie auch Kipruto. Die Konkurrenz der Schumacher hat das temporäre Defizit in Sachen Schuhwerk mit sichtbarem Erfolg aufgeholt.

Es muss nicht immer nur der „Vaporfly“ sein. Der siegreiche Schuh von der Konkurrenz, signiert vom Sieger und neuen Inhaber des Halbmarathon-Weltrekords. (c) Livestream/Ccreenshot

Wenn es überhaupt noch eines Beweises der Leistungsförderung bedurfte, der liegt spätestens auch seit heute auf den Straßen der „Ciudad del Running“. Und dazu passt dann auch ein perfektes Management durch Paco Borao und seine Crew, der schon im Vorfeld kundtat: “Here in Valencia we are always prepared to break records.“ Bei soviel Einsatz gerade auch in den schwierigen Zeiten der vielfältigen Einschränkungen wegen der Corona-Pandamie muss man dem Mann das auch ohne Neid gönnen. Bravo Paco!

Das Rennen der Frauen stand somit im Schatten dieser einmaligen Leistungen bei den Männern. Zusammen mit einem Tempomacher bestimmten zunächst 4 Läuferinnen das Geschehen an der Spitze, die nach 15:22 für 5 km die 10 km-Marke nach 31:00 erreichten und damit im Regime von 65:25 agierten. 15 km wurden nach 46:34 passiert und kurz darauf setzte sich nach ca. 48 Minuten die Debütantin Genzebe Dibaba zusammen mit dem „Hasen“ ab. Über 20 km in 1:02:00 erreichte sie die Ziellinie am Science-Komplex nach 1:05:18, womit ihr ein eindrucksvoller Start bei einem längeren Straßenlauf gelang.

Es war sicher eine herbe Enttäuschung, dass der Superstar der aktuellen Szene, die Äthiopierin Letesenbet Gidey, nicht anreisen konnte. Sie hätte vermutlich die Leistung einer Debütantin in diesem Rennen noch in andere Dimensionen bringen können. Sheila Chepkuri (KEN) wurde in 1:05:39 Zweite und die Vorjahressiegerin Senbere Teferi (ETH) belegte Platz 3 in 1:05:51, zuvor hatte sie schon ihren Kursrekord aus dem Vorjahr an ihre Landsfrau verloren. Etwas Pech hatte auf Platz 5 Emily Sisson (USA), die in 1:07:26 den Landesrekord von Molly Huddle um nur eine Sekunde verpasste.

Genzebe Dibaba gewann bei ihrem Debüt den Halbmarathon in Valencia. (c) Livestream/Screenshot

Splits des führenden Läufers:
 1 km 2:35/2:38 2:38 55:33
 2 km 5:19 2:41 56:05
 3 km 8:02/8:07 2:48 57:05
 4 km 10:51* 2:44 57:14
 5 km 13:37 2:46 13:37 57:27
 6 km 16:21 2:44 57:29
 7 km 19:03 2:42 57:25
 8 km 21:49 2:46 57:32
 9 km 24:35 2:46 57:38
10 km 27:25 2:50 13:48 57:51
11 km 30:10 2:45 57:51
12 km 32:55* 2:45 57:52
13 km 35:43 2:48 57:58
14 km 38:29 2:46 58:00
15 km 41:10 2:41 13:45 57:54
16 km 43:51 2:41 57:49
17 km 46:36* 2:45 57:50
18 km 49:20 2:44 57:49
19 km 52:02* 2:42 57:47
20 km 54:42 2:40 13:32 57:42
21 km 57:17 2:35 57:33
 HM 57:32 WR