„INEOS1:59-Challenge“ am 12. Oktober 2019 in Wien: Ein Jahrestag unerwarteter Exteme – Was nun, Eliud?

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Am 12. Oktober 2019 war der zweite Angriff Eliud Kipchoges (KEN) auf die 2 Stunden-Barriere im Marathon auf der Hauptalle im Wiener Prater vom Erfolg gekrönt. Mit einem Riesenaufwand und fast unbegrenzten finanziellen Ressourcen wurde aus „Breaking 2“ im Mai 2017 auf der Rennbahn in Monza die „INEOS1:59-Challenge“, die der britischen Milliadär Jim Ratcliffe – hat nichts mir der Lauflegende Paula Radcliffe gemein – initiiert (und bezahlt) hatte. Mustergültig vorbereitet und durchgeführt rannte Eliud in 1:59:40,2 Stunden die 42.195 m durch den Prater und unterbot damit eine weitere Traumbarriere in der Leichtathletik. Zu einem „Banister des Marathon“ wurde der kenianische Superstar allerdings dadurch noch nicht, denn die Leistung wurde nicht regelkonform realisiert, und vor allem das Schuhwerk – die Siebenmeilen-Stiefel aus Beaverton – sorgte für eine nachhaltige Diskussion.

Eliud Kipchoge zusammen mit seinem väterlichen Coach Patrick Sang nach dem erfolgreichen Abschluss des INEOS1:59-Projekts. (c) INEOS

So blieb die längerfristige (Nach-)Wirkung des Ereignisses doch recht bescheiden, irgenwie haftete dem ganzen Unternehmen die nicht erlaubten Hilfen negativ an. Am Ende geriet die Aktion als ein Muster ohne Wert. Hauptprofiteure der Tempojagd waren dabei die rührigen Organisatoren vom Vienna City Marathon, die dann aber – auch dies eine Ironie des Schicksals – ihren verdienten Lohn in einem Teilnehmerboost beim regulären Marathon im April 2020 nicht einfahren konnten – das Corona Virus legt(e) fast die ganze globale Laufszene bis auf unbestimmte Zeit lahm.

Genau ein Jahr nach dieser historischen Tat wird die Erinnerung aber durch ein weiteres Ereignis getrübt, das erst eine gute Woche zurückliegt und das für sicherlich eine ähnliche Aufmerksamkeit sorgte wie der Auftritt Eliuds in Wien. Schauplatz war diesmal eine Rundstrecke um den St. James Park in London, die in der Paradoxie der Dinge in einer frühen Phase für das INEOS1.59-Projekt in Betracht gezogen wurde; die Wetterprognosen gaben dann aber den Vorzug für Wien.  Auf dem 19 Runden-Kurs hatten die Macher des London Marathon wegen der Hygieneanforderungen eine „bio secure bubble“ aufgebaut und dabei gehofft, dass bei den Männern im „Kampf des Jahrhunderts“ der Weltrekord wieder in die britische Hauptstadt kam. Abgesehen davon, dass ohne die einmaligen Massen an Läufern und Zuschauern der Veranstaltung das Herz genommen war, kam es für einige Beteiligte am Ende knüppeldick.

Eliud Kipchoge war bei der Pressenkonferenz vor dem Rennen noch sehr zuversichtlich. (c) Livestream/Screenshot

Die erste Hiobs-Botschaft ereilte die Laufszene kurz nach der ersten Pressekonferenz: Der zweite Superstar der Szene Kenenisa Bekele (ETH), der zur gleichen Zeit, wo sich Eliud 2019 anschickte, durch den Prater zu sausen, beim Berlin Marathon die Fabelzeit Eliuds von 2:01:39 an gleicher Stelle um den Wimperschlag von zwei Sekunden verpasste, meldete sich mit diversen Problemen ab. Das mit höchsten Erwartungen verbundene Duell der beiden Ausnahmekönner war damit geplatzt; die Enttäuschung darüber war kaum zu übersehen. Ein weiterer „Durchmarsch“ Eliud Kipchoges in seinem 13. (!) regulären Marathon schien damit so gut wie sicher. Die vor allem äthiopische (Rest-)Konkurrenz war sicher hochklassig, aber wohl kaum eine Gefahr für den größten Marathonläufer aller Zeiten. Zumal Eliud über eine beispiellose Beständigkeit verfügte.

Und dann spielte das Wetter nicht mit, Regen gab es schon an den Tagen vor dem Rennen und dann erst recht am Tag des Marathon. Bereits nach wenigen km/Meilen war klar, dass es keine Jagd in die Regionen des Weltrekords, geschweige denn der 2 Stunden geben würde. Nach der Hälfte der Distanz lag man mit 1:02:54 im Regime einer Zeit um 2:06 Stunden und schon fast zwei Minuten hinter den Vorgaben, was noch nicht einmal zu einer Welt-Jahresbestzeit reichen würde – am Ende waren die Läufe in Tokyo und Sevilla deutlich schneller. Doch für Eliud kam es dann noch schlimmer.

Nach 27 km ging der letzte Tempomacher aus dem Rennen, doch anstatt dass Eliud nun das Kommando übernahm, waren es nun die Äthiopier, die für die Pace sorgten. Eliud agierte ungewohnt am Ende der Spitzengruppe und nahm bald darauf seine Mütze ab. Als nun jeder auf den rennentscheiden Antritt des Meisters wartete, fiel dieser völlig überraschend nach 37 km in 1:50:23 zurück und verlor schnell an Boden. Und während vorne drei Äthiopier und ein Kenianer um den Sieg kämpften, lag Eliud bei 40 km in 1:59:46 fast eine halbe Minute zurück. Bei seinem letzten Lauf in Wien war er dieser Stelle über 6 Minuten schneller gewesen.

Nach dem Lauf klagte er über Probleme mit einem Ohr und danach mit seiner Hüfte. Mit 7:03 Minuten von 40 km bis ins Ziel war er fast auf die Sekunde eine Minute langsamer als in Wien, für den letzten Kilometer, den er im Prater in aberwitzigen 2:42,7 rannte, brauchte er sichtlich am Ende der Kräfte eine halbe Minute länger. Damit ging eine in der Tat einmalige Serie zu Ende, die nach seinem zweiten Platz bei seinem zweiten Marathon in Berlin hinter dem Weltrekord laufenden Wilson Kipsang im September 2013 begann.

Zählt man die „Laborexperimente“ in Monza und Wien nicht mit, war dies Marathon Nr. 13 für Eliud, augenscheinlich kein gutes Omen. Nachdem der Kenianer seit seinem Sieg beim Rotterdam Marathon in 2:05:00 im April 2014 die Szene in nie gekannter Dominanz beherrschte, nahm diese einmalige Serie – mit dem Weltrekord 2018 von 2:01:39 in Berlin als Höhepunkt – ein abruptes Ende, mit dem in dieser Form sicher kaum jemand rechnen konnte. Nur bei dem taktischen Rennen bei Olympia 2016 war er in 2:08:44 im Marathon einmal langsamer unterwegs gewesen.

Wie geht es mit dem Ausnahmeläufer nun weiter? Eliud zeigte auch angesichts der überraschenden „Niederlage“ durchaus Größe. Für eine gründliche Analyse ist es aktuell sicher zu früh. Als einen ersten Schritt machte er auf dem Rückflug einen Umweg über die Niederlande, um das Problem mit seinem Ohr untersuchen zu lassen. Was bisher kaum diskutiert wurde, ist der Aspekt, dass ihm die Aktion am Limit im Wiener Prater doch mehr Ressourcen gekostet haben mag, als es die Eindrücke bei der sub-2-Stunden-Aktion vermuten lassen, wo Eliud kaum sichtbare Anzeichen von Erschöpfung zeigte.

Ohne weitere Spekulationen muss man am besten seinen nächsten Start abwarten, wo dann vor allem auch das Wetter ein geringerer Faktor spielt als bei der Regenschlacht um den St. James Park. Mental sollte Kipchoge stark genug sein, zusammen mit seiner eisernen Selbstdisziplin in den Trainingsvorbereitungen wieder zu alter Stärke zurückzufinden. Vielleicht war auch die einjährige Pause zwischen den Läufen in Wien und London verbunden mit allen Nebeneffekten und Einschränkungen durch die Corona-Pandemie einfach zu lang. In wenigen Wochen wird Eliud 36 Jahre alt, so ganz lange kann er sich mit einem „Comeback“ keine Zeit lassen. Ob dann der Olympische Marathon im Sommer 2021 der richtige Zeitpunkt dafür ist, ist sicher fraglich.

Davon unberührt gehen die Dinge auf dem historischem Geläuf im Wiener Prater munter weiter.  Ein Jahr danach ließ man dort auf einer 2 km-Pendelstrecke die Historie im Rahmen eines „VCM Tribute to Eliud in Vienna“ wieder aufleben. Die Tribute-Läufer starteten exakt mit dem Startsignal aus dem Jahr 2019 und durften dann ergründen, wie weit sie (allein) in der Kipchoge-Zeit laufen können. Soweit bekannt, kam niemand seiner Marke auch mit einem Rückstand im 10 km-Regime nahe. Eliud bleibt eine Ausnahmeerscheinung mit Erinnerungen, die sicherlich bleiben und in Wien auch (zu Recht) gepflegt werden.