In Japan „läuft“ es anders: (Ein-)Blick in eine faszinierende Straßenlaufszene – Teil 1

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Es steht außer Frage, dass in Japan der Laufsport als eine der zentralen Kernsport-Disziplinen eine weit höhere Bedeutung genießt, als dies in unseren Regionen der Fall ist. In der Tat „läuft“ es dort in vielen Belangen anders, vor allem im Nachwuchsbereich deutlich schneller, gepaart mit einmaligen Leistungsdichten.

Beobachtungen in der Provinz

Nur unweit des Heiwadai Stadions, wo alljährlich Anfang Dezember der Start und Zieleinlauf des internationalen Fukuoka Marathon über die Bühne geht, liegt der wunderschöne Ohori-Park, um dessen See eine sehr frequentierte 2000 m Laufstrecke führt. Der Belag der Strecke ähnelt der einer Bahn im Stadion, alle 100 m sind die Distanzen markiert und über den ganzen Tag wird die Lokalität rege genutzt. Was dem Besucher aus Übersee schon bald irritiert, sind z.B. kleine Gruppen von Grundschülern – Mädchen und Jungen laufen zusammen -, die in einem Tempo agieren, dass man verwundert genauer hinschaut. Mit Hilfe der Marken ist schnell abzuschätzen, dass die „Kinder“ ein Tempo um 3:20 Minuten/km laufen. Dies rennen sie nicht nur einige 100 m sondern gleich mehrere Runden um den See, mit typischen 5 km-Zeiten von unter 17 Minuten. Und locker sieht die Bewegung der jungen Schüler obendrein noch aus und scheint ferner sichtlich Freude zu machen.

IMG_8877Die Trainingsrunde (2 km lang) im Ohori-Park im Herzen Fukuokas. (c) H. Winter

Diese Beobachtungen in Fukuoka gründen sich auf einem Leistungsgedanken, der typisch für die japanische Gesellschaft im Allgemeinen ist und sich im Laufsport von jungen Schülern bis zu den Studenten erstreckt. Mit Zahlen, die repräsentative Mittelwerte über die Jahre darstellen, lässt sich dies sehr eindrucksvoll belegen.

Grundschüler schlagen Hailes Weltrekord

Beginnen wir diesbezüglich mit Schülern von Grundschulen, die schon früh von der Laufbegeisterung im Lande mitgerissen werden. Dabei geht es schon von Kindheit an nicht allein darum, sich sportlich zu betätigen. Im Gegensatz zu den Ansätzen an unseren Schulen, geraten in Japan die Leistung und damit das „schnelle Laufen“ in den Mittelpunkt der Aktivitäten. Schon hier verschlägt es dem Außenstehenden über das erreichte Leistungsniveau schlichtweg die Sprache, wie eines von vielen Beispielen belegt. Vor einiger Zeit konnten in einem Staffellauf 42 Grundschüler (!) die damalige Weltrekordzeit im Marathon von Lauflegende Haile Gebrselassie von 2:03:59 knapp unterbieten. Allein die Tatsache, dass an einer Grundschule über 40 Schüler in der Lage sind, die 1000 m unter 3 Minuten laufen zu können, ist nach deutschen Maßstäben ein einmaliges Phänomen.

IMG_2809Schon Grundschüler verfügen in Japan über ein außerordentliches läuferisches Niveau wie hier bei einem Volkslauf auf dem Land im Süden Japans. (c) H. Winter

Die Staffel-Läufe stehen im Mittelpunkt

Die Beobachtungen bei den jungen Schülern lassen sich bis zu den Studenten an den Universitäten des Landes weiter verfolgen, wobei die Langstreckenstaffeln, die sog. „Ekiden“ (Wortstamm: 駅 eki = Station + 伝 den = Übergabe), im zentralen Fokus des Interesses stehen. Hier scheint der kollektive Wettstreit eine besondere Mentalität anzusprechen, dem alles andere untergeordnet wird, auch Ansätze von Individualität. Wir kommen auf diesen Punkt noch einmal zurück. Die überragende Bedeutung der Staffelläufe reflektiert sich auch in einer Vielzahl von Veranstaltungen, die schon im Schulbereich Vergleiche auf nationaler Skala vorsehen.

Bei den High Schools sind dies z.B. Staffeln über die Marathondistanz mit typisch 8 Läufern. Auch hier ist das Leistungsniveau kaum nach unseren Standards zu begreifen. Um sich für die nationalen Meisterschaften (der High Schools!) zu qualifizieren müssen sich die Schüler zuvor einem Leistungstest über 5000 m auf der Bahn unterziehen. Jedes Jahr schaffen dabei landesweit ca. 600 Schüler eine Zeit von unter 15 Minuten. Was für ein Niveau damit einhergeht, wird sofort deutlich, wenn man versucht, bei unseren Gymnasiasten nur einen Läufer von dieser Güte ausfindig zu machen. Selbst der Vergleich mit den bei uns in den Fluren höherer Lehranstalten mit Stolz präsentierten Schulrekorden dürfte in fast allen Fällen sehr ernüchternd ausfallen.

hakone-2016-logoGanz oben steht der „Hakone“

Machen die bisher geschilderten Beispiele bereits Eindruck, so gehen einem für das Leistungsniveau japanischer Studenten im Straßenlauf die Superlative aus. Grund dafür ist zu einem erheblichen Anteil die populärste Veranstaltung auf Japans Straßen jeweils am zweiten und dritten Tag des Neuen Jahres, der „Hakone Ekiden“. Dieser Staffellauf von 20 Teams mit je 10 Studenten von Universitäten aus dem Großraum Tokyos umfasst Etappen von etwa der Länge eines Halbmarathons. Am ersten Tag läuft man 108 km an der mit Zuschauern dicht umsäumten Küstenstraße aus dem Zentrum der Hauptstadt Richtung Südosten in die auf 800 m Seehöhe gelegene Sommerfrische Hakone. Am zweiten Tag geht es 110 km zurück nach Tokyo.

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Der Streckenverlauf des Hakone-Ekiden und die Temperaturen für den Rückweg nach Tokyo am zweiten Tag. (c) NihonTV-Screenshot

Der Stellenwert dieses Ekiden ist durchaus begründet. In einer großartigen und aufwendig produzierten Live-TV-Übertragung wird der Ablauf dieses Rennens in allen Facetten großartig eingefangen. Als Zuschauer ist man stets auf der Höhe des (sportlichen) Geschehens, jede Zwischenzeit, Ranking oder Rennentwicklung wird in tollen Aufnahmen präsentiert, die sich mit der Qualität der Produktion z.B. bei der Tour de France messen können. Mit Vor- und Nachberichten überträgt Nihon TV an beiden Tagen jeweils etwa 7 Stunden, wobei auch in dieser Zeit kaum Längen auftreten. Die Übertragung fesselt schon nach kurzer Zeit derart, dass man sich noch Stunden später vor dem Bildschirm findet. Dass dies keine singuläre Wahrnehmung ist, belegen Zuschauerquoten, die um die 35% schwanken, zu bestimmen Zeiten – vor allem, wenn der spektakuläre Anstieg nach Hakonen auf der letzten Etappe des ersten Tages ansteht – geht es sogar in die Regionen von 40%.

IMG_0041Der technische Aufwand bei TV-Übertragungen von Laufveranstaltungen in Japan ist enorm hoch, die Qualität der Sendungen sind weltweit unerreicht. (c) H. Winter

Eine solch außerordentliche Zuschauerresonanz widerlegt sehr deutlich die bei uns herrschende Auffassung der öffentlich-rechtlichen Programgestalter, dass man Zuschauern Straßenlauf in der Länge eines Marathons nicht zumuten kann, und deshalb solche Events nach den Konzepten eines Trachtenumzug inszeniert und die sportlichen Seiten kaum erfasst. Die hohe Popularität des Hakone ist auch einzigartiger Arbeit der Medien geschuldet, nur diese kann letztlich eine hohe Akzeptanz in der Öffentlichkeit bewirken. Während in Deutschland ähnliche Standards vor allem im Fußball, Radsport oder Wintersport durchaus erreicht werden, sind Übertragungen von Laufveranstaltungen meistens eine Zumutung.

fukuoka-zuschauerDas Interesse am Laufsport in der breiten Öffentlichkeit des Landes in hoch. (c) H. Winter

Aber es ist nicht nur die weit bessere mediale Begleitung der Topevents, die Japan von Deutschland unterscheidet. Auch das läuferische Niveau – gerade bei den Studenten – liegen um Welten auseinander. Dies bezieht sich zunächst auf die insgesamt 200 Läufer in den Teams beim Hakone, gilt aber auch auf breiterer Skala. Die Zwischenzeiten der Etappen zeigen, dass der allgemeine Standard bei etwa 63 Minuten für den Halbmarathon liegt, das liegt knapp unter einem 3 Minuten/km-Schnitt, bei 200 Teilnehmern wohl gemerkt. Auf der zweiten Etappe des ersten Tages starten die besten Läufer aller Teams, dann geht es in die Regionen von 61 Minuten und manchmal sogar darunter. Wie einmalig dieses Leistungsniveau ist, belegt der Vergleich mit der deutschen Bestenliste des Jahres 2016, wo ein einziger Läufer (Arne Gabius, 62:45) im ganzen Jahr und über alle Wettbewerbe deutscher Athleten erfasst in dieses Regime von Zeiten vordringt.

Der Ageo City Halbmarathon bleibt ein Phänomen

Doch es ist mitnichten der Hakone allein, der durch sein Leistungsniveau für Furore sorgt. Fast alle Laufveranstaltungen in Japan mit Studenten, insb. deren Meisterschaften, sind hochklassig. An dieser Stelle darf als Beispiel der Halbmarathon in Ageo City, einem Stadtteil im Norden Tokyos, nicht fehlen, wo sich Anfang November etwa 500 Studenten aus dem Umland für verbliebene Plätze in den Universitäts-Teams für den Hakone empfehlen wollen. Auch bei diesem Halbmarathon kann man vor allem die Leistungsdichte als sensationell einstufen.

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Schafften es im gesamten Jahr 2016 gerade einmal neun Läufer in Deutschland eine Zeit von 65 Minuten zu unterbieten, waren das in Ageo in einem Lauf über 100, erzielt von nicht-professionell laufenden Studenten. Selbst bei dem besten deutschen Halbmarathon in Berlin musste man 2016 74:05 Minuten warten, bevor der Läufer auf Platz 100 das Ziel erreichte. In Ageo waren dagegen bereits nach 68:20 Minuten 300 Aktive und damit das Gros der Teilnehmer im Ziel. Man läuft in der Tat in einer anderen Liga.

IMG_2998Viele Läufe in Japan zeichnen sich durch eine sehr hohe Leistungsbreite aus. (c) H. Winter

Recht aufschlussreich – aber auch ernüchternd – fällt der konkrete Vergleich der Leistungsbreite aus. In der Tabelle sind Zeiten aus dem Jahr 2008 aufgeführt, die durchaus als typisch gelten können. Man kann das gar nicht oft genug betonen: In Ageo rennen nur Studenten aus dem Großraum Tokyo!

Zeit bis Aego HM Berliner HM Paderborner HM DLV-Bestenliste
1:03:53   10 12 2 0
1:04:45
50 13 (1) 3 1
1:05:28 100 14 (2)   5 2
1:06:43 200 14 (2)   5 10
1:08:09 300 16 (3) 5 26
1:09:48 400 22 (5) 7 (1)

Tabelle: Vergleich von Finishern beim Ageo Halbmarathon 2008 mit Resultaten des Berlin Halbmarathons 2008, des Halbmarathons beim Paderborner Osterlauf 2008 sowie der DLV-Bestenliste für den Halbmarathon 2008. Die in Klammern aufgeführten Ziffern geben die Anzahl deutscher Teilnehmer an.

Teil 2 des Beitrags folgt.

Dieser Beitrag erschien in „RUNNING – Das Laufmagazin“ im Heft Juni/Juli 4/2017 (Nr. 180). Der 2. Teil folgt im Heft 5/2017 (Nr. 181), das ab 1. August 2017 verfügbar ist.

Informationen aus erster Hand gibt es von Brett Larner und Mika Tokairin von den „Japan Running News“.