70. Paderborner Osterlauf am 26. März 2016: Ein Rekord für die „Ewigkeit“

pb-osterlauf-2016-logoKurz nachdem Carsten Eich am 10. April 1993 die Ziellinie des 10 km-Laufs nach 27:47 Minuten beim 47. Internationalen Paderborner Osterlauf überquerte, prägte der Sprecher vor Ort, Wolf-Dieter Poschmann, den Spruch vom „Rekord für die Ewigkeit“. Wie Recht der Mann vom ZDF hatte, der selbst den 10 km- (1984) sowie den 25 km-Lauf (1975) in Paderborn gewinnen konnte, ersieht man an der Tatsache, dass diese Bestmarke auch 23 Jahre später immer noch Bestand hat. Somit kann man mit Spannung auf die 70. Ausgabe des Osterlaufs am 26. März 2016 blicken, wo der frisch gebackene deutsche Marathon-Rekordler Arne Gabius (Hamburg) zusammen mit einer Phalanx ostafrikanischer Läufer diese Zeit ins Visier nehmen will. Dabei wurde es bereits im letzten Jahr schon eng, als der deutsche Läufer Homiyu Tesfaye in 27:51 zusammen mit dem Kenianer Amos Mitei in 27:55 denkbar knapp am Streckenrekord scheiterten.

pb-osterlauf-2016-programmheft-1993Cover des Programmhefts zum 47. Internationaler Paderborner Osterlauf 1993. Veranstalter: SC Grün-Weiß Paderborn 1920 e.V., Sportamt der Stadt Paderborn.

Die großartige Zeit von Carsten Eich stand über die Jahre auch immer wieder in der Kritik, nicht nur, dass der damalige Streckenverlauf sehr bedingt mit dem heutigen Kurs vergleichbar war (die Brücke zur Bahnüberführung gab es damals noch nicht, man passierte den Bahnübergang über die Hermann-Kirchhoff-Straße), sondern auch die Streckenlänge war nach heutigen Standards kaum reproduziert und es gab auf der Strecke an diversen Stellen Möglichkeiten, die „Ideallinie zu unterschreiten“. (Der Autor dieser Zeilen lief damals gut 7 Minuten hinter Eich ins Ziel und hat noch vage Erinnerungen an solche Gelegenheiten.)

pb-osterlauf-2016-bib-1993Eine Startnummer für den 10 km Lauf am 10. April 1993. Der Abriss an der rechten Seite diente der manuellen Zeiterfassung, die Chipzeitmessung kam erst in den Jahren danach.  (c) H. Winter

Dabei ist es nicht die Absicht, die phänomenale Leistung des für den SC DHFK startenden Leipzigers zu schmälern, denn der war im Frühjahr 1993 in der Tat in der „Form seines Lebens“. Eich war Mitte März 1993 aus einem Höhentrainingslager in Mexiko zurückgekommen und startete schon einen Tag nach seiner Rückkehr beim Citylauf in Dresden. Den gewann er mit Streckenrekord. 14 Tage später gelang ihm dann der vielleicht größte Coup seiner gesamten Karriere. Beim Berliner Halbmarathon konnte er sich am 4. April 1993 im Schlußteil gegen hochkarätige Konkurrenz aus Kenia durchsetzen und in neuer europäischer Bestzeit von 60:34 das Rennen gewinnen. Dabei war es schon eine Ironie der (Sport-)Geschichte, dass bis auf einen Tag zuvor die globale Bestmarke im  Halbmarathon des Mexikaners Dionisio Ceron bei 60:46 lag und erst dann von Moses Tanui (KEN) beim Stramilano in Mailand auf 59:47 gesteigert wurde.

Somit war Carsten Eich in Topform als er in der folgenden Woche am Karfreitag 1993 nach Paderborn reiste und auf der tradionellen Pasta-Party eine Verbesserung seines Streckenrekords von 28:30 aus dem Vorjahr prognostizierte. Race Director Horst Wiczynski hatte ihn deshalb und wegen seines Sieges an gleicher Stelle im Vorjahr mit der Startnummer „1“ bedacht. Als am Ostersamstag bei guten Bedingungen ca. 1500 Läufer im „Carl-Diem-Gedächtnislauf“ (den schaffte man später wegen der umstrittenen Tätigkeiten Diems in der NS-Zeit ab) über 10 km an den Start auf dem Heierswall gingen, wurde schnell klar, dass es Eich mit seinen Prognosen Ernst meinte. Mit km-Abschnitten um 2:40 Minuten auf den ersten beiden Kilometern (2 km Split: 5:22) setzte er sich schnell von allen Mitstreitern ab und lief vorne ein einsamen Rennen. Dabei war es schon überraschend, dass er zunächst im Tempo kaum nachließ und die 4 km Marke nach 10:43 durchlief. Eine solche Zwischenzeit hat es in der langen Geschichte des Osterlaufs kaum wieder gegeben, Carsten war auf Kurs von 26:48; damals war das deutlich unter der Weltbestmarke.

Der Führende war mittlerweile in der Haustenbecker Straße in der Stadtheide angekommen und näherte sich den 5 km im Pirolweg. Dort betrug die Durchgangszeit schnelle 13:37. Aber die Tempojagd zu Beginn hatte Kraft gekostet, der letzte km wurde in nur noch 2:54 zurückgelegt. Eich lag jedoch immer noch auf Kurs von 27:14. Der nächste Kilometer wurde wieder schneller mit 2:48 (6 km in 16:25). Kurz vor dem Schützenplatz in der Stollbergallee wurden die 8 km nach 22:10 erreicht, mit km-Abschnitten um 2:52 Minuten. Für einen Streckenrekord hatte er noch 6:20 Minuten Zeit, das war von hier fast im Jogging-Tempo zu schaffen.

pb-osterlauf-2016-eich-vor-ziel1Carsten Eich – hier bereits kurz vor dem Ziel auf dem Heierswall – machte der Startnummer „1“ alle Ehre und gewann mit Streckenrekord.  (c) SC GW Paderborn

Doch Carsten Eich mobilisierte noch einmal letzte Reserven und drückte die km-Abschnitte unter 2:50. Im Ziel zeigten die Uhren 27:47, Streckenrekord und deutsche Bestleistung für 10 km auf der Straße. Um erstaunliche 43 Sekunden hatte er seine eigene Bestmarke unterboten. Seine großartige Leistung wird auch dadurch dokumentiert, als er die damals erst aufkommende afrikanische Konkurrenz „in Grund und Boden lief“. Im gleichen Lauf belegte Benjamin Simatel (KEN) in 28:28 Platz 2 und kurz dahinter wurde Simon Robert Naali (TAN) in 28:29 Dritter. Dass sich diese Klassenunterschiede in den Folgejahren zu Gunsten der Afrikaner drehten, ist hinlänglich bekannter Fakt.pb-osterlauf-2016-eich-vor-zielCarsten Eich ganz kurz vor dem Ziel, die Uhr im Hintergrund links zeigt 27:46.  (c) J. Sülwald

Die Presse im Paderborner Raum würdigte in einem ganzseitigen (!) Artikel die Leistungen des Leipzigers. Dabei muss allerdings für die Macher des „Westfalen Blatt“ die Zeit so außergewöhnlich gewesen sein, dass man sich nicht in der Lage sah, die Siegerzeit von Eich (27:47) in zwei fetten Überschriften richtig anzugeben. Auch die Redakteure und Schriftsetzer in der westfälischen Provinz mussten sich offensichtlich erst an eine solche Fabelzeit gewöhnen.

pb-osterlauf-2016-wb-1993-1Das Paderborner „Westfalen-Blatt“ widmete dem Rekord eine langen Artikel am 13. April 1993, allerdings lag die Zeit in der Überschrift gehörig daneben.  (c) WB 1993

pb-osterlauf-2016-wb-1993-2Auch in der Überschrift zum Ergebnisteil des „Westfalen-Blatt“ war die Siegerzeit nicht korrekt gelistet. (c) WB 1993

Ob es 23 Jahre später Arne Gabius dem wackren Carsten nachmachen und den Streckenrekord in Paderborn sowie deutschen Rekord über 10 km unterbieten kann, wird sich am 26. März 2016 zeigen. Die Bestzeiten von Gabius liegen für die 10 km auf der Straße bei 28:07 (Berlin) und auf der Bahn bei 27:43.93 (Eugene, OR, USA). Beide Zeiten stammen auf dem Vorjahr und lassen durchaus das Potential für einen Rekord erkennen. Dazu gibt es noch die nette Variante, dass er umgekehrt zu Carsten Eich 1993 eine Woche nach dem Osterlauf in Berlin beim Halbmarathon starten will. Auch dort hält Carsten Eich den (deutschen) Rekord.

Die 47. Ausgabe des Osterlaufs war ferner anmerkenswert, als es nach 34 Läufen über 25 km erstmals auf die Halbmarathon-Distanz ging, womit man den internationalen Entwicklungen Rechnung trug, die im Herbst des Jahres zuvor erste Weltmeisterschaften im Rahmen des Great North Run in Newcastle sahen. Den ersten Lauf über 21,0975 km in Paderborn gewann Tendai Chimusasa (ZIM) in 1:02:15. Dies war trivialerweise auch gleich Streckenrekord, der erst 1999 von Joseph Mareng (KEN) um 2 Sekunden gesteigert werden konnte. Aber dies ist eine andere Geschichte.