Doping im Straßenlauf: Was treibt den „Doping-Experten“ Hajo Seppelt?

hajo-seppeltDer „Doping-Experte“ (der ARD): Hajo Seppelt.  (c) ARD

Es ist nicht so ganz klar, was den (selbst ernannten) „ARD-Doping-Experten“ Hajo Seppelt umtreibt, unablässig seine sensible Nase in Alles zu stecken, was nach Doping riecht. Augenscheinlich ist ihm die Leichtathletik besonders ans Herz gewachsen. Dabei verwundert schon die nicht unerhebliche Asymmetrie in der Auseinandersetzung mit dieser Disziplin, denn selbst wenn Topläufer an seinem Funkhaus in der Masurenallee in Berlin vorbeilaufen und dabei Weltrekorde erzielen, juckt das in dieser öffentlich-rechtlichen Einrichtung niemanden. Sportberichterstattung heisst dort eingentlich nur Fußball, dem Auftrag einer ädquaten Abbildung der Gesellschaft kommt nicht nur diese Medienanstalt schon lange nicht mehr nach.

Deshalb ist der Fokus auf die „Schattenseiten“ einer Disziplin, die es ansonsten im Sendebetrieb kaum gibt, schon sehr fragwürdig und führt unweigerlich zu der Frage, was diesen rastlosen Investigator in Sachen sauberen Sports eigentlich antreibt. Obwohl er den Zuschauer schon mitfühlen lässt, wie er in der eng bestuhlten Economy-Klasse und auf staubigen Straßen zu den Zentren des Sport-Betrugs saust, fällt es im Grunde schwer, seinen Argumenten und Behauptungen zu folgen, so singulär und hausbacken wirken seine „Recherchen“.

Was dabei wirklich erschüttert, sind deshalb weniger die Dinge, die man weitgehend sowieso schon kennt, sondern die Tatsache, dass hier ein Bild der Leichtathletik in der (ansonsten unkundigen und desinteressierten) Öffentlichkeit generiert wird, die in dieser Form für diesen Sport überaus gefährlich ist. Was da der gute Herr Seppelt mit seinem Aktionen anrichtet, ist in der Tat enorm, und macht sein Auftreten noch unverständlicher. Mit fundiertem Journalismus hat das leider nur bedingt zu tun und mit Verantwortung schon recht nicht. Anstelle allgegenwärtiger Selbstinzenierung wäre eine sachlichere Auseinandersetzung mit der Problematik mehr als wünschenswert.

Eine tiefergehende Diskussion mit den Aktionen des „Doping-Experten“ kann hier nicht geführt werden. Dabei ist keinesfalls die eigentliche Problematik der Leistungsmanipulation im Spitzensport (und nicht nur dort) zu verharmlosen, da stimmen wir mit Herr Seppelt überein. Aber an zwei Beispielen sei aufgezeigt, wie unausgegoren und diletantisch die „Enthüllungen“ des Experten sind.

Zum ersten:  Da wird gezeigt, wie der „Dopingexperte“ zum Briefkasten geht, sogleich den (vermutlich anonym) zugesandten Umschlag mit einem USB-Stick öffnet und damit einen Datenpool mit vielen tausend „Blutwerten“ – was immer die sind – der IAAF vorfindet. Anstelle exemplarisch zu zeigen, um was es eigentlich geht und wie die Daten aussehen, wird nur um den Brei herumgeredet und weitere „Experten“ zu Rate gezogen. Und daraus dann abgeleitet, dass großflächig gespritzt, geschluckt und betrogen wird. Sogleich wird dann auch impliziert, dass Topleistungen nur noch auf der Basis eines Betrugs möglich sind. (Laufen deshalb die deutschen Athleten hinterher?) Fazit für die Öffentlichkeit: Die Leichtathletik war schon imm einer Sumpf des Betrugs und der Lügen, es brauchte nur einen Hajo Seppelt, um das aufzuklären.

Dabei bleibt höflich unererwähnt, um was es eigentlich bei den „Blutwerten“ geht und vor allem, wie kritisch diese zu interpretieren sind. Dass die Daten unter Verschluss gehalten werden, ist schlichter Unsinn. Haben die Hämokritwerte („normaler Wert“ bei Männern: 125 bis 149 g/l) doch geholfen (!), die Marathonasse Abderrahim Goumri (MAR) und vor allem Liliya Shobukhova (RUS) des Dopings zu überführen (s. Grafik unten). Die Ergebnisse der Russin in den letzten Jahren werden soeben aus den Ergebnislisten elimiert.

Was soll man da erst zu Superstar Mo Farah sagen, der nach dem ganzen Zirkus, den Herr Seppelt zu verantworten hat, zu Recht erbost war, zumal er durch die Gerüchte um den Meistertrainer Alberto Salazar sowieso schon unter Verdacht geraten war. Nimmt man die Daten vom Stick für Mo, dann hätte man sofort sehen müssen, dass dieser Mann „ultra-clean“ ist. Kein Hämokritwert über 100 g/l!. Nach den „Normen“ leidet der gute Mann fast an einer Blutanämie und läuft gleichzeitig die Weltelite auf den langen Strecken in Grund und Boden. Im Frühjahr lief er zudem in Lissabon im Halbmarathon Europarekord. Man kann sicher damit noch lange keine Manipulation ausschließen, nur auf der Basis der Blutwerte ist dies auch nicht in Ansätzen möglich. Eine entsprechende (Gegen-)Darstellung der WADA (World Athletic Doping Association) sollte man aufmerksam lesen.

blood-data-mo-farahDie Hämokrit-Werte von Mo Farah (GBR) bei Tests zwischen 2002 und 20012. Kein Wert liegt über 100 g/l.  (c) Sunday Times

blood-data-shobukhovaDie Hämokrit-Werte von Liliya Shobukhova (RUS). Werte über 150 g/l ergaben sich bei Test 13 am 9.10.2009 und Test 17 am 7.10.2011, jeweils im Umfeld des Chicago Marathon. Man beachte aber auch Test 16 am 31.7.2011. Die Athletin ist aktuell vom Verband gesperrt und ihre Resultate in Chicago und London werden/wurden gestrichen. (c) Sunday Times

blood-data-goumriDie Hämokrit-Werte von Abderrahim Goumri (MAR) mit Test 20 am 9.10.2009 (162 g/l) und Test 21 am 16.10.2009 (166 g/l). Am 11.10.2009 wurde er beim Chicago Marathon in 2:06:04 Zweiter hinter Samuel Wanjiru. Goumri wurde anschließend vom Verband gesperrt.  (c) Sunday Times

Zum zweiten: Da besucht unser Doping-Experte die Famile von Geoffrey Kipketer Tarno (KEN) im kenianischen Hochland. Tarno war im Oktober 2013 in einem Marathonlauf in Kenia nach 40 km zusammengebrochen und soweit die Ergebnisse der Autopsie belastungsfähig sind, an einem Blutgerinsel verstorben. Kein Zweifel, die Sache ist traurig, und Doping kann nicht ausgeschlossen werden. Man fragt sich nur, was Herr Seppelt damit beweisen will. Insb. Läufer der zweiten und dritten Reihe waren in Kenia immer wieder einmal auffällig geworden, auch deshalb weil oft das Talent fehlte.

Aus einem solchen Fall allerdings zu implizieren, dass die kenianische Elite großflächig betrügt, ist auch nicht in Ansätzen haltbar. Hier hätte man sich zumindest in dem TV-Beitrag die Information gewünscht, dass Tarno erst seit 2009 den Laufsport betrieb und niemals sein Land in Sachen Laufen verlassen hatte. Mit den Läufern (und Läuferinnen), die zu Hunderten auf den Straßen der außerafrikanischen Metropolen mit Topleistungen agieren, hat der gute Tarno nie zu tun gehabt.

Dabei gibt es aktuell durchaus „interessante“ Entwicklungen in Kenia, von denen man in den Berichten der ARD nichts erfährt. Vor einigen Monaten wurden die Manager von Volare Sport und Rosa Associates vom kenianischen Verband für 6 Monate außerhalb des Landes verwiesen. Über die Gründe für dieses Verhalten kann man nur mutmaßen. Eine profunde Recherche in dieser Sache wäre sicher hochinteressant gewesen. Aussagefähiger jedenfalls als die Präsentation der Familie eines „Nobodies“, deren unser Mitgefühl gilt. Zur Aufklärung in Sachen Doping taugt der Fall Tarno kaum.

tarno-grabDas Grab von Geoffrey Tarno, der nach vier Jahren Leistungssport am 13. Oktober 2013 bei einem Marathonlauf zusammenbrach und verstarb.  (c) ARD