Project Carbon X2 Hoka in Chandler (Arizona, USA) am 23. Januar 2021: Jim Walmsley (USA) verpasst 100 km-Weltrekord um 12 Sekunden

Mit einem dramatischen Finale endete die 2. Ausgabe des Hoka Project Carbon X2 über 100 km auf einem Rundkurs in Chandler (Arizona, USA) am heutigen Samstagmorgen. In 6:09:26 verpasste der US-Top-Ultraläufer Jim Walmsley (USA) den aktuellen Weltrekord von 6:09:14 durch den Japaner Nao Kazami aus dem Jahr 2018 um ganze 12 Sekunden, nachdem er bis kurz vor Schluss stets auf Kurs zu einer neuen globalen Bestmarke gelegen hatte. Bei der auf die Elite beschränkten und unter strikter Einhaltung von Hygiene-Auflagen wegen der Corona-Pandemie diktierten Veranstaltung war bei den Frauen Audrey Tanguy (FRA) in 7:40:32 die Schnellste. Mit Temperaturen um 15°C bei einem fast ungewöhnlich hohen Taupunkt von 7°C herrschten bis auf einen auffrischenden Wind in der Wüste Arizonas wieder sehr gute Bedingungen für ein Ausdauerevent.

Die Spitzengruppe der Männern am Ende der 2. Runde nach 1:20:48 (Zwischenzeit) und einer Distanz von 22,2 km. (c) Livestream/Screenshot

Auf einem 11,11 km langen Rundkurs im Süden der Metropole Phoenix/Tempe, wo im Ortsteil Chandler erst im Dezember 2020 das „Marathon Project“ mit großem Erfolg durchgeführt wurde, lag die Spitzengruppe der Männer vom Start weg auf Weltrekordkurs. Zusammen mit 4 Tempomachern, die zum Teil bis zur Hälfte des Rennens die Elite unterstützten, lagen 5 Läufer vorne, darunter auch der Favorit und Weltrekordler über 50 Meilen (80,47 km) Jim Walmsley, der diese Bestmarke vor zwei Jahren bei der ersten Auflage dieses Events erzielte. Mit ersten Splits von 18:27 bei 5 km, 1:13:54 bei 20 km und 1:50:30 bei 30 km lag man auf Kurs zu einer Zeit von 6:08:20 Stunden, d.h. eine Minute unter der WR-Zeit. Der (erste) Marathon wurde in ca. 2:34 Stunden zurückgelegt.Die Spitzengruppe der Männer kurz vor 50 km. Hinter dem „Hasen“ Petermann folgen Walmsley und Hunt, dahinter Hawks. (c) Livestream/Screenshot

Die Hälfte der Distanz wurde nach 3:04:14 erreicht, wo sich dann der letzte verbliebene „Hase“ verabschiedete. Schon kurz darauf fiel eine Vorentscheidung, als sich Walmsley von den beiden verbliebenen Mitläufern Craig Hunt (USA) und Hayden Hawks (USA) absetzen konnte. Dabei kam es zu einem dramatischen Zwischenfall als sich Walmsley bei der Überrundung einiger Frauen an einer aus einem Zaun herausragenden Schraube die linke Schulter aufschnitt und stark zu bluten begann. Es gelang ihm aber die Blutung weitgehend zu stillen und das Rennen fortzusetzen. Ob ihm diese Aktion die am Ende fehlenden Sekunden kostete, kann nur spekuliert werden. Das organisatorische Defizit kann aber kaum entschuldigt werden und dürfte sicher noch ein Nachspiel haben.

Bei 70 km war Walmsley lange allein an der Spitze. Die Verletzung an der linken Schulter hatte er sich an einem Zaun nach ca. 50 km zugezogen. (c) Livestream/Screenshot

Bei 60 km in 3:40:36 lag Walmsley weiterhin auf Rekordkurs und 10 Sekunden vor Hunt und 1 1/2 Minuten vor Hawks. Über 3:58:53 bei 65 km und 4:17:01 bei 70 km legte er 3/4 der Gesamtstrecke nach 75 km in 4:35:05 zurück und war damit in der Projektion von 6:06:47 sehr deutlich auf Rekordkurs. Der Vorsprung auf den ersten Verfolger Hunt war hier schon auf über 5 Minuten angewachsen. Und bei 80 km in 4:53:35 lag Hunt dann schon 14 Minuten zurück und wurde am Ende bis auf Platz 6 als letzter Finisher durchgereicht. Bei 50 Meilen wurde vorne Walmsley in 4:55:21 gestoppt, womit er gut 5 Minuten hinter seiner WR-Zeit von 4:50:07 zurücklag. Bei jenem Rennen im Mai 2019 war er noch die 100 km durchgerannt, brach aber ein und verfehlte seinerzeit den 100 km-WR deutlich.

Jim Walmsley nach gut 70 km und recht konstanten 5 km-Splits um 18:10 bis 18:20 Minuten. (c) Livestream/Screenshit

Dieses Mal hatte sich Walmsley das Rennen weit besser eingeteilt und lag bei 85 km in 5:12:06 und bei 90 km in 5:31:15 weiterhin mit einer Zeit im Ziel von 6:08:04 bestens auf Rekordkurs. Doch dann passierte ein weiteres, vielleicht entscheidendes Missgeschick, denn der Split bei 95 km wurde mit 5:49:54 angegeben, eine Kontrolle der Uhrzeit zeigte aber eine Zeit von 5:50:19. Walmsley lag somit zwar noch auf Kurs zu 6:08:45, musste aber nun statt in 19:15 die letzten 5 km in 18:50 Minuten zurücklegen. Und dazu fehlten dem Ausnahmeläufer am Ende schlichtweg die Kräfte. Auf der langen Zielgeraden tickte die Uhr unerbittlich herunter, am Ende fehlten ihm in 6:09:26 ganze 12 Sekunden zum Weltrekord von Nao Kazami, der erst 2018 am Lake Soroma 6:09:14 gelaufen war.

Ein völlig erschöpfter Jim Walmsley im Ziel mit der zweitbeste Zeit in der Geschichte des 100 km-Laufs. (c) Livestream/Screenshot

Damit schaffte der Sieger mit der zweitbesten Laufzeit in der Geschichte des 100 km-Lauf eine Weltklasse-Leistung, die auch durch die organisatorischen Pannen nicht zu einem Weltrekord gereicht hatte. Den Landesrekord von 6:27:43 durch Max King aus dem Jahr 2014 „pulverisierte“ er im Sinne des Wortes. Und über welches Potential Walmsley verfügt, zeigte sich bei den US-Marathon-Olympia-Trials im Februar 2020 in Atlanta, wo er seinen ersten ernsthaften Marathon gleich in 2:15:05 lief. Wie hoch seine Leistung einzuschätzen ist, zeigt schon der Rennverlauf im Verfolgerfeld, das reihenweise massiv einbrach, aber trotz allen noch respektable Leistungen erzielte. Rajpaul Pannu (USA), ein Läufer mit indischen Wurzeln aus Denver, wurde in 6:28:31 Zweiter vor Kris Brown (USA) aus Seattle in 6:39:14.

Durch den frühen Ausfall der Ausnahme-Läuferin auf den langen Ultradistanzen, Camille Herron (USA), wegen Hüftbeschwerden konnten die Resultate der Frauen nicht mit der Glanzleistung des Siegers mithalten. Hier war der Fabel-Weltrekord von 6:33:11 durch die Japanerin Tomoe Abe zu keinem Zeitpunkt in Gefahr. In einem wechselvollen Rennen arbeitete sich die Französin Audrey Tanguy durch das gesamte Feld durch und gewann am Ende in 7:40:36. Platz 2 ging in diesem Rennen, das auch zur Promotion des neuenn Rennschuhs des Sponsors Hoka dienen sollte, an die Britin Nicole Monette (GBR) in 7:43:18.

Ergebnisse 100 km der Männer:
1. Jim Walmsley Flagstaff, AZ 6:09:26 NR
2. Rajpaul Pannu Denver, CO 6:28:31
3. Kris Brown Seattle, WA 6:39:14
4. Johan Lantz Ockelbo, SWE 6:46:32
5. Elov Olsson Gävle, SWE 6:48:46
6. Craig Hunt Flagstaff, AZ 6:55:42
Ergebnisse 100 km der Frauen:
1. Audrey Tanguy Annecy, FRA 7:40:36
2. Nicole Monette Oxford, GBR 7:43:18
3. Courtney Olson Bellinham, WA 7:55:11
4. Carla Molinaro London, GBR 8:1:22