Quo vadis, Laufsport? – Der schwierige Weg von Laufsportveranstaltungen zurück in die Normalität

Mit den kürzlichen Absagen der Marathonläufe von Hamburg, Berlin, München oder soeben auch Frankfurt wird es im Herbst – und damit auch im gesamten Jahr 2020 – keine Großveranstaltung in Sachen Marathon durch die Straßen deutscher Innenstädte geben. Damit folgt man weitgehend den Beispielen in so gut wie allen Ländern, selbst von den World Marathon Majors – der vermeintlichen Eliteliga der Szene – bleibt nach dem Elitelauf am 1. März 2020 in Tokyo nur noch ein reines Eliterennen um den St. James Park in London am 4. Oktober 2020 über. Allein bei den Majors werden dann im Jahr 2020 bestenfalls um die 300 Aktive an den Start gegangen sein, in den Jahren zuvor waren das fast eintausendmal mehr.

Als schlechtes Omen für die mittelfristige Zukunft mag die Absage vieler Massen-Veranstaltungen in Japan bereits für das Jahr 2021 sein. Und selbst der London Marathon hat aus Respekt vor den Auswirkungen des Corona-Virus seinen angestammten Frühjahrstermin im Jahr 2021 auf den Herbst verschoben, mit in der Tat dramatischen Auswirkungen auf das Elitesegment der globalen Topevents der Szene.

Die vielfachen Einschränkungen des öffentlichen Lebens wurden und werden ausgiebig diskutiert. Eine angemessene Vorsicht im Umgang mit der Pandemie ist durchaus angebracht und soll hier in keiner Weise in Frage gestellt werden, wobei aber bei allen Maßnahmen stets eine Sicht auf das Gesamtsystem erfolgen sollte. Und da gibt es neben dem Virus und dessen Gefahren noch durchaus andere Komponenten gesellschaftlicher Belange zu bedenken. Dazu gehört auch eine Abschätzung der Auswirkungen, die sich nicht auf das Auftreten von realen und möglichen Fallzahlen beschränkt, sondern auch das Ende der „Fahnenstange“ im Auge hat – also die Einweisungen in Krankenhäuser und die Anzahl von Menschen, die an/mit Corona-Infektionen versterben.

Wie oben  schon angedeutet, soll hier keinesfalls irgendwelchen, überwiegend abstrusen „Verschwörungstheorien“ die Lanze gebrochen werden. Wir gehen an dieser Stelle spezifisch auf die Absage des Berlin Marathon am 27. September 2020 ein, die nach den behördlichen Vorgaben nicht zu umgehen war. Wie dramatisch die Konsequenzen solcher Entscheidungen in vielfältiger Hinsicht sind, hat vor allem der Verbund der deutschen Laufveranstaler „German Road Races“ in diversen Beiträgen auf seiner Webseite thematisiert. Die weit reichenden Entwicklungen vor allem auch im wirtschaftlichen Segment der Szene veranschauchlicht eine aktuelle Petition in dieser Sache.

Es steht außer Frage, dass sich für viele Veranstalter die Dinge ans bzw. bereits über jedes Limit entwickelt haben. Eine Entscheidung, wie es „weiterläuft“, ist deshalb vordringlicher denn je. Im aktuellen Umgang mit der Krise gibt es vor allem angesichts der wieder ansteigenden Zahlen an positiven Tests kaum Hoffnung, dass sich an diesem Status in absehbarer Zeit etwas ändern wird. Diese Entscheidungen sind sicher von Seiten der politischen Verantwortung vertretbar, fraglich ist aber, ob dies in allen Belangen auch zu rechtfertigen ist.

Um die Diskussion zu fokussieren, erörtern wir hier einen Aspekt eines in der Tat komplexen und vielschichtigen Problems. Fast zufällig fielen die (endgültige) Absage des BMW Berlin Marathon am 26./27. September 2020 mit einer Großdemonstration auf der Straße des 17. Juni zusammen, also jener Lokalität, auf der sich auch Start und Ziel des Marathon befinden. Auf der Demonstration am 1. August 2020 wurde in medizinisch sicher unverantwortlicher Weise die Einhaltung von Hygiene-Maßnahmen (Abstand, Masken) provokativ abgelehnt, was nach einigen Stunden zum Auflösung dieser Veranstaltung führte. Die Bilder von dieser Demo fanden sich in den Medien und erinnern sehr an jene Menschenmassen, die jedes Jahr vom Berlin Marathon um die Welt gehen. Auch die Zahlen von etwa 40.000 Teilnehmern liegen in ähnlichen Größenordnungen (wobei sich die Schätzungen in Sachen Demo von Polizei und Veranstaltern durchaus um eine Größenordnung unterscheiden).

Die Fallzahlen positiver Tests auf das Corona-Virus pro Tag (schwarze Symbole), der Patienten in Berliner Krankenhäusern mit Corona-Befund (rote Symbole) und an (mit) Corona verstorbene Personen (blaue Symbole) im Land Berlin. Der graue Balken markiert die Daten am 1. August 2020, dem Tag der Demonstration auf der Straße des 17. Juni. (c) LAGeSo Berlin/H. Winter

Es ist mehr als aufschlussreich, die Auswirkungen dieser Demonstration auf die Gesundheit der Bürger im Land Berlin zu hinterfragen. Die behördlichen Auflagen in Sachen Großveranstaltungen fußen ja gerade auf dem Konzept, eine unkontrollierte Ausbreitung des Virus mit Gefahr für Leib und Leben der Bürger zu verhindern. Somit war die Demo am 1. August ein „idealer Test“ solcher Annahmen. Um die Diskussion kurz zu machen: In den offiziellen Daten in Sachen gesundheitlicher Auswirkungen des Corona-Virus ist auch nach angemessener Wartezeit (Inkubation, etc.) so gut wie nichts zu erkennen.

Auch drei Wochen nach der Demo haben sich die Anzahl der Corona-induzierten Krankenhausaufenthalte nicht sichtbar erhöht, die Anzahl der auf Intensivstationen behandelten Patienten ist mittlerweile auf 15 abgesunken. Und vom 24. Juli 2020 bis heute ist im Land Berlin ein Patient an (mit) Corona verstorben (die grafische Darstellung kann man sich fast sparen). Angesichts einer natürlichen Sterberate in der Hauptstadt von ca. 150 Menschen pro Tag ist eine derartige „Übersterblichkeit“ sogar mit einem Mikroskop nicht mehr auszumachen. Betrachtet man ferner, wie unvorsichtig und eigentlich unverantwortlich viele Menschen Reisefreiheiten strapazieren, Vorschriften in Bädern, Gaststätten, ÖPNV oder woimmer im öffentlichen Raum missachten, dann muss man das rigorose Verbot vom Massenveranstaltungen doch sehr in Frage stellen. Vor allem auch vor dem Hintergund, dass in vielen Bereichen der Gesellschaft wie Verkehr, Umweltschutz, etc. die Politik weit weniger um das Wohl seiner Bürger besorgt scheint.

Fazit: Man sollte – bei aller Vorsicht – den aktuellen Entwicklungen Rechnung tragen, weit mehr als bisher erfolgt, an die Eigenverantwortung und Solidarität der Bürger appellieren – breitflächiges „Testen“ kann dies sicher nicht ersetzen. Und dann sollte es durchaus möglich sein, größere Laufermassen wieder durch die Straßen der Innenstädte laufen zu lassen. Beim Berlin Marathon hätte das schon der Fall sein können – zumal man eine solche Veranstaltung sicher noch durch angemessene hygienische Konzepte hätte flankieren können.

Und man hätte dann auch darauf bauen können, dass Läufer zu jener Klientel von Bürgern gehören, denen Verantwortung, Rücksicht oder Vorsicht durchaus vertraute Vokabeln sind.