„Meilenweit bis Marathon“: Lauf-Legende und Doppel-Olympiasieger Waldemar Cierpinski wird 70

Am 3. August feierte der Doppel-Olympiasieger im Marathon, Waldemar Cierpinski aus Halle (Saale), seinen 70. Geburtstag. Dies gibt Anlass auf eine bemerkenswerte sportliche Karriere zurückzublicken, die ihren Klimax mit den zwei Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal und 1980 in Moskau fand. In einem ansprechend produzierten 1 1/2 stündigen Feature der Landesmedienanstalt MDR wurde sein Werdegang mit einer ganzen Reihe von Zeitzeugen nachgezeichnet. Dabei errang er seine Erfolge in einer Disziplin, in der deutsche Athleten eher eine untergeordnete Rolle im globalen Ranking spiel(t)en.

28 offizielle (Marathon-)Läufe absolvierte Cierpinski in seiner gut zehnjährigen Karriere, bei drei Rennen – zweimal im japanischen Fukuoka, einmal in Kosice – kam er nicht ins Ziel. Sein „Meisterstück“ vollbrachte er ohne Zweifel am 31. Juli 1976 in den Straßen Montreals, wo er völlig unerwartet bei seinem fünften Marathonlauf Olympisches Gold in seiner einzigen Zeit von unter 2:10 Stunden in 2:09:55 gewann. Man konnte damals ohne Überteibung von einer Sensation sprechen, wie der damals 26-jährige Cierpinski im strömenden Regen den hohen Favoriten und Titelverteidiger Frank Shorter (USA) Paroli bot und das Rennen gewann. Ironischer Weise hatte Shorter den ihm unbekannten Deutschen mit Carlos Lopez (POR) verwechselt, der aber nach Silber über 10000 m gar nicht mehr an den Start des Marathon gegangen war. Viel später äußerte Shorter dann: „Waldemars Sieg ging in Ordnung, denn er hatte den Kampf mit mir mit dem Kopf gewonnen.“

Erst zwei Jahre zuvor hatte der „Noboby“ in Kosice als Dritter in 2:20:29 seinen ersten Lauf über die Königsdistanz bestritten, ein Jahr später landete er an gleicher Stelle in 2:13:31 auf Platz 7. Sein zweiter Olympiasieg am 1. August 1980 in Moskau kam dann schon weniger unerwartet, zumal ein Teil der ernsthaften Konkurrenz durch den Boykott etlicher Nationen nicht vor Ort war. In einer taktischen Meisterleistung im Schlusspart gewann Cierpinski in 2:11:03 in seinem insgesamt 15. Marathon erneut die Goldmedaille. Unvergessen die emotionsgeladene Reportage des DDR-Kultreporters Heinz-Florian Oertel, dessen viel ziertierte Kommentare zum Zieleinlauf auch im Kontext zu seinen übermäßigen Sympathiebekundungen zu einem Regime zu sehen waren, das viele Rechte seiner Bürger mit den Füßen trat.

Die Spitzengruppe beim Olympischen Marathon 1980 in Moskau. Vorne laufen Gerard Nijboer (NED,#360) und Waldemar Cierpinski (#297). (c) Sportverlag Berlin

Durch den Boykott des sozialistischen Lagers von Olympia 1984 in Los Angeles war es Cierpinski verwehrt, einen einmaligen Rekord von drei aufeinanderfolgenden Olympiasiegen im Marathon zu erringen. Noch heute zeigt sich der großartige Läufer sichtbar bewegt, wenn diese Thematik zur Sprache kommt (auch in dem TV-Beitrag beim MDR). Eine realistische Einschätzung der Dinge sah aber für den Hallenser in LA nur minimale Chancen einer Titelverteidigung, sowohl auf der Basis, was dann auf den Straßen der kalifornischen Megametropole lief, und in einer Einschätzung seines damaligen Leistungspotentials. Schon beim Tokyo Marathon im Februar 1984, den er als Achter in 2:12:00 beendete, lagen seine Landsleute Michael Heilmann und Jörg Peter vor ihn, sogar das bundesdeutsche Ass Ralf Salzmann konnte den Olympiasieger schlagen.

Für die „Gegen-Olympiade“ in Berlin-Grünau konnte sich Cierpinski damals nicht mehr motivieren und sagte seine Teilnahme ab. Auch dies eine Ironie der Historie, Peter und Heilmann legten am 21.7.1984 ein Wahnsinnsrennen auf des Pflaster von Berlin-Grünau und Schmöckwitz. So gut wie unter Ausschluss der Öffentlichkeit nahm Jörg Peter in grandiosen 2:09:14 dem DDR-Star seinen Landesrekord vom ersten Olympiasieg ab und auch Michael Heilmann war damals schneller. Ein Jahr später beendete dann Waldemar Cierpinski seine einmalige Karriere dort, wo er sie auch elf Jahre vorher begonnen hatte, in Kosice. Als Fünfter in 2:19:52 lief in den gleichen zeitlichen Regionen wie bei seinem Debüt an gleicher Stelle.

Wie dramtisch sich seine Disziplin weiter entwickelt hat – vor allem auch durch die massive Präsenz der Ostafrikaner – , belegt die Tatsache, dass man weltweit mittlerweile fast 3000 (!) mal schneller gelaufen ist als seine PB. Dies soll aber in keiner Weise seine außergewöhnlichen Leistungen in Frage stellen, die er erbrachte, als es darauf an kam und er sich – in sozialistischer Diktion – „an den Fronten des Leistungssports bewährte“. Den Genossen und Parteioberen in Berlin kamen seine Erfolge nur zu recht und wurden durch ihr Sprachrohr Oertel um die Welt posaunt. Bei aller Nähe zum Regime hat in einer oberflächlichen Einschätzung Cierpinski den Pfad ethischer Grundsätzen nie verlassen, was auch seine hohe Beliebtheit noch heute vor allem im Osten der Republik belegen mag. Und auch in Sachen „Doping“ ist man versucht seine Beteuerungen zumindest in Ansätzen zu folgen.

Sporthistorisch bestehen kaum Zweifel, dass Waldemar Cierspinski zu den ganz großen der deutschen Sportgeschichte zu zählen ist. Happy Birthday, Waldemar!

Die Marathonläufe von W. Cierpinski
2:20:29 Kosice 6.10.1974
2:17:31 Kosice 5.10.1975
2:13:58 Karl-Marx-Stadt 17.4.1976
2:12:22 Wittenberg 30.5.1976
2:09:55 Montreal (OS) 31.7.1976
2:14:56 Fukuoka 5.12.1976
2:16:01 Kosice 2.10.1977
2:14:51 Prag 8.5.1978
2:14:58 Boxberg 24.6.1978
2:12:20 Prag 3.9.1978
2:22:49 Fukuoka 3.12.1978
2:15:50 Karl-Marx-Stadt 1.9.1979
 DNF Fukuoka 2.12.1979
2:11:17 Karl-Marx-Stadt 3.5.1980
2:11:03 Moskau (OS) 1.8.1980
DNF Kosice 5.10.1980
2:10:24 Fukuoka 7.12.1980
2:15:44 Agen 13.9.1981
DNF Fukuoka 6.12.1981
2:1:27 Manila 31.1.1982
2:13:59 Dresden 30.6.1982
2:17:50 Athen 12.9.1982
2:12.40 Tokyo 13.2.1983
2:12:26 Laredo 19.6.1983
2:10:37 Helsinki (WM) 14.8.1983
2:15:13 Fukuoka 4.12.1983
2:12:00 Tokyo 12.2.1984
2:19:52 Kosice 7.10.1985