Marathon-Weltrekord von 2:14:04 durch Brigid Kosgei am 26. Februar 2020 offiziell anerkannt

Bei der 42. Ausgabe des Bank of America Chicago Marathon erfüllten sich die hohen Erwartungen in glänzender Manier. Die 25-jährige Brigid Kosgei (KEN) lief in fast unfassbaren 2:14:04 einen großartigen Weltrekord im Marathon der Frauen, den zuvor die britische Lauflegende Paula Radcliffe seit 2003 mit 2:15:25 gehalten hatte und der zuvor auch nicht annähernd in Gefahr geriet, unterboten zu werden. Am heutigen Mittwoch wurde diese Ausnahmeleistung der mittlerweile 26-jähirgen Kenianerin offiziel durch den internationalen Leichtathletikverband IAAF („World Athletics“) anerkannt. In einem konsequenten Sololauf mit den beiden Tempomachern Geoffrey Pyego (KEN) und Daniel Limo (KEN) deutete sich schon früh eine Zeit in den Regionen des Weltrekords an, den Kosgei am Ende um 1:21 Minuten unterbieten würde.

Einen Tag nach dem nicht unumstrittenen Lauf unter 2 Stunden durch Eliud Kipchoge im Wiener Prater konnte auch bei den Frauen mit 2:15 Stunden eine Traumbarriere im Marathon deutlich unterschritten werden. Die Rennen der Konkurrentinnen sowie der Männer mussten dagegen deutlich abfallen. Bei den Männern gewann der aktuelle Boston Champion Lawrence Cherono (KEN) den Spurt einer Vierergruppe in 2:05:45.

Brigid Kosgei mit den beiden Tempomachern Geoffrey Pyego und Daniel Limo (links) machte nach dem Start sofort Jagd auf den Weltrekord. (c) S. Hartnett

Sofort nach dem  Start setzte sich bei den Frauen Brigid Kosgei mit ihren beiden „Hasen“, die einen grandiosen Job machten, von den Konkurrentinnen ab. Das ganze erinnerte ein wenig an den Great North Run Anfang September, wo Kosgei in 1:04:28 für den Halbmarathon ihre Gegnerinnen in Grund und Boden lief. Mit km-Abschnitten im 3:05 Minuten-Regime passierte Kosgei dei 5 km nach bereits aberwitzigen 15:28 und lag damit auf Kurs zu einer Zeit von 2:10:30 Stunden. Anabel Yeshaneh (ETH) lag hier 8 Sekunden zurück, Gelete Burka (ETH) 35 Sekunden.

Bei Temperaturen um 5°C und einem Taupunkt um 0°C war es vor allem ein kalter, immer wieder aufböender Wind, der keinesfalls optimale Bedingungen für eine Rekordhatz bedeutete. Kosgei ließ sich aber davon nicht abbringen, das Tempo mit Unterstützung der beiden Wind abschirmenden Tempomachern hoch zu halten. 10 km wurden in 31:28 zurückgelegt, 15 km in 47:26 und 20 km in 1:03:27. Mittlerweile war das Trio – Kosgei, Pyego, Limo – an der Spitze des Frauenfeldes aus dem nördlichen Teil der Strecke durch den Lincoln Park in die Stadtmitte zurückgekehrt und passierte die Halbmarathon-Marke nach 1:06:59.

Damit war man dort eine volle Minute schneller als die im Vorfeld angepeilten 68 Minuten, in einer Zeit, mit der sich auch hochklassige Rennen über die halbe Distanz gewinnen lassen. Gegenüber der Durchgangszeit von Paula Radcliffe aus dem Jahr 2003 in London war sie 63 Sekunden schneller. Dass sich Kosgei keineswegs mit diesem Tempo übernommen hatte, zeigte die zweite Hälfte, die sie in 1:07:05 so gut wie genauso schnell lief. Über 1:19:33 bei 25 km und 1:35:18 bei 30 km lag sie auch noch bei 35 km in 1:51:14 sehr konstant auf Kurs zu 2:14 Stunden. Dass das hohe Tempo auch für die (männlichen) Tempomacher eine Herausforderung darstellte, zeigte bald darauf. Erst stieg Pyego und bei 40 km in 2:07:11 auch Limo aus, der mit einer PB von 2:08:39 aus dem Jahr 2011 in den letzten Jahren bei seinen Marathonläufen nicht schneller als das aktuelle Tempo gelaufen war.

Brigid Kosgei allein auf dem letzten Kilometer zum Ziel im Grant Park. (c) S. Hartnett

Brigid Kosgei musste nun ab den Chess Studios (2120, S. Michigan Avenue) den Schlusspart ins Ziel allein bewältigen, was ihr mit einem Schlusspart in 6:53 gegen den strammen Wind beeindruckend gelang. Nach 2:14:04 blieben die Uhren (auch bei zwei von drei Kampfrichtern) stehen, womit die Kenianerin die Fabelmarke von Paula Radcliffe, die vor Ort sogleich gratulierte, von 2:15:25 im Sinne des Wortes „pulversierte“. Dass auch die beiden nächstplatzierten Frauen Ababel Yeshaneh und Gelete Burka mit 2:20:51 und 2:20:55 Weltklassezeiten erreichten, ging in dem Trubel um die Ausnahmeleistung von Kosgei weitgehend unter. Platz 4 ging an Emma Bates (USA), die in 2:25:27 erst ihren zweiten Marathon bestritt.

Brigid Kosgei vor der Uhr mit dem neuen Weltrekord im Marathon der Frauen. (c) S. Hartnett

In der Pressekonferenz bedankte sich Kosgei brav bei allen, die zu ihrem Erfolg beigetragen haben, vor allem auch bei ihren in der Tat großartigen „Hasen“, die die Windböen sehr effektiv von ihr fernhielten. Sie erklärte aber auch, dass die 2:14 mitnichten das aktuelle Limit für die Frauen darstellen. Eine Nachfrage, ob die von ihr benannten 2:10 Stunden realistisch sind, relativierte die frisch gebackene Rekordlerin in Richtung 2:12 und ließ dabei auch offen, ob sie sich diese Regionen zutraut.

Unvermeidlich (Jonathan Gault von LRC war vor Ort) war die Frage nach den (Lauf-)Schuhen, die Kosgei insofern ausweichend bediente, indem sie nur anmerkte, dass Eliuds (Kipchoge) Performance am Tag zuvor in Wien sie bewogen habe, ihre Wahl für die „pinken“ Schuhen zu treffen. Diese Thematik ist sicher für die aktuellen Leistungssprünge in der Szene kardinal und dürfte auch die offizielle Anerkennung des Weltrekords verzögert. Mittlerweile gibt aber seitens des internationalen Verbands eine (halbherzige) Regelung, die den NIKE Schuhen in allen Belangen entgegenkommt.

David Waskowski vom Chicago Marathon zeigt stolz das offizielle Dokument der drei Kampfrichter mit den Zeiten für Kosgei von: 2:14:04,04, 2:14:03,4 und 2:14:03,38. Macht zusammen: 2:14:04 – neuer Weltrekord. (c) S. Hartnett

Die 5 km-Splits von Kosgei zum Weltrekord:

5 km: 15:28
10 km: 16:00 (31:28)
15 km: 15:58 (47:26)
20 km: 16:01 (1:03:27)
 HM: 1:06:59
25 km: 16:06 (1:19:33)
30 km: 15:45 (1:35:18)
35 km: 15:57 (1:51:14)
40 km: 15:58 (2:07:11)
  Ziel: 2:14:04 (6:53)