32.Olympische Sommerspiele in Tokyo vom 24 Juli bis 9. August 2020 – Marathonlauf: Stoppt das IOC diesen Wahnsinn?

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Im Rahmen der 32. Olympischen Sommerspiele sollen in der japanischen Hauptstadt Tokyo am 30. Juli 2020 der Marathonlauf der Frauen und eine Woche später am 7. August 2020 dieser Wettbewerb für die Männer über die Bühne gehen. Warum die gesamte Veranstaltung und die Marathonläufe im besonderen gerade im japanischen Hochsommer ausgetragen werden (müssen), ist Argumenten geschuldet, die mit dem Sport nichts mehr zu tun haben. Aber den verantwortlichen Funktionären dieses Großevents sind wirtschaftliche Aspekte weit wichtiger als sportliche Abläufe.

Und Letztere überschritten in der momentanen Planung alle Grenzen und können schon heute nur als Desaster bezeichnet werden. Sehenden Auges schickt man die Weltelite in ein Abenteuer, das man selbst zurückhaltend nur als Wahnsinn bezeichenen kann. Und obwohl die verheerenden Konsequenzen immer deutlicher werden, schien es keine Instanz zu geben, die diesen Entwicklungen Einhalt gebot und dringend gebotene Revisionen betrieb. Allein im Juli 2019 sollen im Graußraum Tokyo mehr als 100 Menschen allein an direkten Folgen der Hitze gestorben sein. 41,1°C zeigte das Thermometer in Kanagawa bei einem Taupunkt nahe der 30°C.

Simple thermodynamische Fakten: Der Taupunkt

Die Gefahr, einen Marathonlauf unter den metereologischen Bedingungen in der japanischen Hauptstadt im Hochsommer zu absolvieren, resultiert vor allen aus der hohen Luftfeuchtigkeit. Was im Alltag als „Schwüle“ empfunden wird, lässt sich fundiert auf den „Taupunkt“ reduzieren, das ist jene Temperatur, bei der die Außenluft vollständig mit Wasser gesättigt ist. D.h. bei einer höheren Wasserkonzentration der Luft kann diese das Wasser nicht mehr aufnehmen und die Flüssigkeit kondensiert aus. Der Sättigungsgrad der Luft steigt promiment mit der Temperatur an, je höher die Temperatur desto mehr Wasser kann die Luft aufnehmen.

Jedem ist der „Waschenküchen-Effekt“ vertraut, bei dem feuchtwarme Luft erhöhter Temperatur auf einen kälteren Gegenstand trifft, bei dessen (kälterer) Temperatur der Sättigungsgrad der Luft für Wasser überschritten ist. Die Konsequenz ist die Kondensation von Wasser an kalten Flächen, falls der Taupunkt der Luft deren Temperatur überschreitet. In der kommerziellen Luftfahrt umfasst jeder Wetterbericht neben Temperatur immer auch den Taupunkt, denn je näher diese Temperaturen beeinanderliegen, um so höher ist die Wahrscheinlichkeit für Kondensation (des Wassers). In simplen Worten bedeutet dies die in der Luftfahrt stets unbeliebte Nebelbildung.

Simple thermodynamische Fakten: Die latente Wärme

Um die Relevanz des Taupunkts für den (Ausdauer-)Sport zu verstehen, kann man den Athleten als eine Art von Wärmekraft-Maschine auffassen, die bei der Erzeugung mechanischer Energie mit Verlusten in Form von „Abwärme“ verbunden ist. Um eine Überhitzung des Systems (Körper des Sportlers) zu vermeiden, müssen diese Verluste an die Umgebung abgegeben werden. Dabei hilft eine einzigartige Eigenschaft des Wassers, eine sehr hohe latente Wärme, die aufgebracht werden muss, um Wasser aus dem flüssigen Zustand (hier: Schweiß) in den gasförmigen Zustand (feuchte Luft) zu überführen. Für 1 Liter müssen gut 600 Wattstunden (Wh) aufgebracht werden, die bei der Verdunstung des Schweisses den Körper kühlt.Der Wassergehalt der Luft als Funktion der Temperatur. Die blaue Linie gibt die Verhältnisse am Taupunkt an, d.h. vollständig mit Wasser gesättigter Luft. (c) H. Winter

Damit dieser Mechanismus aber funktioniert muss das Wasser jedoch auch verdunsten. Und dies ist nur möglich, wenn die umgebende Luft das Wasser auch aufnehmen kann und noch nicht gesättigt ist (Taupunkt). Je feuchter die Luft ist, um so weniger Wasser kann verdunsten, Schweiss würde wie in einer Sauna als Wasser vom Körper tropfen und nicht zur Kühlung beitragen. Fazit: Während bei trockener Luft (Taupunkt unter 5°C) die Verdunstung des Schweisses sehr effektiv funktioniert, ist bei einem Taupunkt von ca. 27°C dieser Mechanismus nur noch zu ca. 30 % effektiv. Dies hat verheerende Folgen für den humanen Organismus, der wegen der Eiweissstrukturen bei Temperaturen über 42°C irreversibel geschädigt wird. Mit der fehlenden Kühlung geht ein massiver Wasserverlust einher, der durch eine Flüssigkeitsaufnahme nicht mehr zu kompensieren ist. Die Folgen für die Athleten sind fatal!

Da bei den in Tokyo im Juli zu erwartenden Bedingungen die Wärmelast der Umgebung und des Körpers selbst sehr hoch ist und der einzig mögliche Kühlmechanismus weitgehend nicht mehr funktioniert, sind die Konsequenzen verheerend. Top-Athleten (und jeden anderen Menschen) unter solchen Bedingungen ausdauernden Hochleistungssport betreiben zu lassen, kommt einer Verantwortungslosigkeit gleich, die es unter allen Umständen zu verhindern gilt.

Kommt nun die späte Einsicht der Verbände?

Die bei weit „günstigeren“ Bedingungen (als im Juli in Tokyo) bei der WM in Doha beobachteten Abläufe im Marathon der Frauen und bei den Geherwettbewerben sprechen Bände. Das Fazit des dort im wohl klimatisierten Umfeld hausenden IAAF-Präsident Lord Coe könnte diesbezüglicher kaum menschenverachtender ausfallen. Trotzdem haben die Dinge dort vielen Funktionären zu denken gegeben und auch der Druck seitens der Athleten, die man in heutigen Zeiten immer noch  in hochgradiger Unmündigkeit hält, artikuliert sich zunehmend dezidierter. Und endlich kommt Bewegung in dieses Trauerspiel, mit Schneeflocken, Wasserduschen und mit wasimmer die Ausdauer-Events, koste es was es wolle, in der japanischen Hauptstadt austragen zu wollen.

Heute hat nun das Internationale Olympische Committee (IOC) Pläne angekündigt, die beiden Marathonläufe sowie alle Geher-Wettbewerbe auf die nördlichste Insel Japans nach Hokkaido zu verlegen. Im etwa 800 km nördlich von Tokyo gelegenen Sapporo, bezeichnender Weise 1972 Austragungsort der Olympischen WINTER-Spiele, liegen die Temperaturen bis zu 10°C unter denen der Hauptstadt und vor allem die (absolute) Luftfeuchte ist geringer, d.h. 21°C bei einem Taupunkt um 19°C. Das sind immer noch keine idealen Bedingungen für ein solches Ereignis, aber ungleich besser als in Tokyo. Und wenn man Glück mit der Wetterlage hat, kann es sogar noch einige °C kühler sein.

Das Umdenken geschieht weitgehend auf Druck der IOC Working Group und muss nun mit allen Beteiligten abgestimmt werden: der Stadt Tokyo, den National Olympic Committees (NOCs), Olympic Broadcasting Services (OBS), etc. Dazu der Präsident des IOC, Thomas Bach: „Das Wohl der Athleten steht immer im Herzen unserer Bemühungen“. Dabei ist es schon verwunderlich, dass dieses Herz erst jetzt zu schlagen beginnt. Und Lord Coe meint dazu:   „We have been working closely with the IOC and Tokyo 2020 on the potential weather conditions at next year’s Olympic Games and will continue to work with the IOC and Tokyo 2020 on the proposal to move the road events to Sapporo. Giving athletes the best platform for their performances within the environment they are in is central to all major events, and we will work with the organisers to create the very best marathon and race walk courses for next year’s Olympic Games.”

Bleibt zu hoffen, dass nach soviel Erkenntnis auch Taten folgen, und die Wettbewerbe in der Tat auf Hakkaido stattfinden. Wenn dann die Läufe dort über die Bühne gehen, kann man im bundesdeutschen TV einen Kommentator am besten in der Hitze Tokyo belassen. Mit Sprüchen beim Marathon der Frauen während der WM Doha wie: „Das ist durchaus machbar, die Läuferinnen werden stark schwitzen, aber grundsätzlich ist das eine Einstellungsfrage“, hat sich ARD-Kommentator Ralf Scholt selbst disqualifiziert. Der hat nicht nur von der internationalen Marathonszene bescheidene Kenntnisse, sondern auch simple thermodynamische Fakten scheinen dem Mann kaum vertraut.

Deshalb könnte er sich dann gerne die Reise in den Norden Japans ersparen. Für die Athleten bedeutet diese einen erheblich faireren Wettbewerb, bei dem der Sport und nicht  ein „Survival-of-the-fittest“ im Vordergrund stehen würde. Die Entscheidung über die Verlegung der Wettbewerbe wird nach Lage der Dinge auf einer Sitzung Ende Oktober in Tokyo erwartet.