42. Bank of America Chicago Marathon am 13. Oktober 2019: Brigid Kosgei läuft mit 2:14:04 Fabel-Weltrekord

Die hohen Erwartungen im Rennen der Frauen bei der 42. Ausgabe des Bank of America Chicago Marathon erfüllten sich in glänzender Manier. Die 25-jährige Brigid Kosgei (KEN) lief in fast unfassbaren 2:14:04 einen großartigen Weltrekord im Marathon der Frauen, den zuvor die britische Lauflegende Paula Radcliffe seit 2003 mit 2:15:25 gehalten hatte und der bis heute auch nicht annähernd in Gefahr geriet, unterboten zu werden. In einem konsequenten Sololauf mit den beiden Tempomachern Geoffrey Pyego (KEN) und Daniel Limo (KEN) deutete sich schon früh eine Zeit in den Regionen des Weltrekords an, den Kosgei am Ende um 1:21 Minuten unterbieten würde.

Einen Tag nach dem nicht unumstrittenen Lauf unter 2 Stunden durch Eliud Kipchoge im Wiener Prater konnte auch bei den Frauen mit 2:15 Stunden eine Traumbarriere im Marathon deutlich unterschritten werden. Die Rennen der Konkurrentinnen sowie der Männer mussten dagegen deutlich abfallen. Bei den Männern gewann der aktuelle Boston Champion Lawrence Cherono (KEN) den Spurt einer Vierergruppe in 2:05:45.

Brigid Kosgei mit den beiden Tempomachern Geoffrey Pyego und Daniel Limo (links) machte nach dem Start sofort Jagd auf den Weltrekord. (c) S. Hartnett

Sofort nach dem  Start setzte sich bei den Frauen Brigid Kosgei mit ihren beiden „Hasen“, die einen grandiosen Job machten, von den Konkurrentinnen ab. Das ganze erinnerte ein wenig an den Great North Run Anfang September, wo Kosgei in 1:04:28 für den Halbmarathon ihre Gegnerinnen in Grund und Boden lief. Mit km-Abschnitten im 3:05 Minuten-Regime passierte Kosgei dei 5 km nach bereits aberwitzigen 15:28 und lag damit auf Kurs zu einer Zeit von 2:10:30 Stunden. Anabel Yeshaneh (ETH) lag hier 8 Sekunden zurück, Gelete Burka (ETH) 35 Sekunden.

Bei Temperaturen um 5°C und einem Taupunkt um 0°C war es vor allem ein kalter, immer wieder aufböender Wind, der keinesfalls optimale Bedingungen für eine Rekordhatz bedeutete. Kosgei ließ sich aber davon nicht abbringen, das Tempo mit Unterstützung der beiden Wind abschirmenden Tempomachern hoch zu halten. 10 km wurden in 31:28 zurückgelegt, 15 km in 47:26 und 20 km in 1:03:27. Mittlerweile war das Trio – Kosgei, Pyego, Limo – an der Spitze des Frauenfeldes aus dem nördlichen Teil der Strecke durch den Lincoln Park in die Stadtmitte zurückgekehrt und passierte die Halbmarathon-Marke nach 1:06:59.

Damit war man dort eine volle Minute schneller als die im Vorfeld angepeilten 68 Minuten, in einer Zeit, mit der sich auch hochklassige Rennen über die halbe Distanz gewinnen lassen. Gegenüber der Durchgangszeit von Paula Radcliffe aus dem Jahr 2003 in London war sie 63 Sekunden schneller. Dass sich Kosgei keineswegs mit diesem Tempo übernommen hatte, zeigte die zweite Hälfte, die sie in 1:07:05 so gut wie genauso schnell lief. Über 1:19:33 bei 25 km und 1:35:18 bei 30 km lag sie auch noch bei 35 km in 1:51:14 sehr konstant auf Kurs zu 2:14 Stunden. Dass das hohe Tempo auch für die (männlichen) Tempomacher eine Herausforderung darstellte, zeigte bald darauf. Erst stieg Pyego und bei 40 km in 2:07:11 auch Limo aus, der mit einer PB von 2:08:39 aus dem Jahr 2011 in den letzten Jahren bei seinen Marathonläufen nicht schneller als das aktuelle Tempo gelaufen war.

Brigid Kosgei allein auf dem letzten Kilometer zum Ziel im Grant Park. (c) S. Hartnett

Brigid Kosgei musste nun ab den Chess Studios (2120, S. Michigan Avenue) den Schlusspart ins Ziel allein bewältigen, was ihr mit einem Schlusspart in 6:53 gegen den strammen Wind beeindruckend gelang. Nach 2:14:04 blieben die Uhren (auch bei zwei von drei Kampfrichtern) stehen, womit die Kenianerin die Fabelmarke von Paula Radcliffe, die vor Ort sogleich gratulierte, von 2:15:25 im Sinne des Wortes „pulversierte“. Dass auch die beiden nächstplatzierten Frauen Ababel Yeshaneh und Gelete Burka mit 2:20:51 und 2:20:55 Weltklassezeiten erreichten, ging in dem Trubel um die Ausnahmeleistung von Kosgei weitgehend unter. Platz 4 ging an Emma Bates (USA), die in 2:25:27 erst ihren zweiten Marathon bestritt.

Brigid Kosgei vor der Uhr mit dem neuen Weltrekord im Marathon der Frauen. (c) S. Hartnett

Zu erwähnen ist auch die Leistung der deutschen Läuferin Anke Esser (GER) aus Ostbevern bei Westbevern in der Nähe von Münster, die sich nach dem Einbruch beim Berlin Marathon 2018 diesmal weit besser schlug und in 2:32:06 auf Platz 13 einlief. Dabei konnte sie aber das hohe Tempo nach 5 km in sehr flotten 17:18 und dem Split nach der Hälfte in 1:13:52 nicht durchhalten; die zweite Hälfte lief sie in 1:18:14, da war Brigid Kosgei über 11 Minuten schneller.

In der Pressekonferenz bedankte sich Kosgei brav bei allen, die zu ihrem Erfolg beigetragen haben, vor allem auch bei ihren in der Tat großartigen „Hasen“, die die Windböen sehr effektiv von ihr fernhielten. Sie erklärte aber auch, dass die 2:14 mitnichten das aktuelle Limit für die Frauen darstellen. Eine Nachfrage, ob die von ihr benannten 2:10 Stunden realistisch sind, relativierte die frisch gebackene Rekordlerin in Richtung 2:12 und ließ dabei auch offen, ob sie sich diese Regionen zutraut.

Unvermeidlich (Jonathan Gault von LRC war vor Ort) war die Frage nach den (Lauf-)Schuhen, die Kosgei insofern ausweichend bediente, indem sie nur anmerkte, dass Eliuds (Kipchoge) Performance am Tag zuvor in Wien sie bewogen habe, ihre Wahl für die „pinken“ Schuhen zu treffen. Diese Thematik ist sicher für die aktuellen Leistungssprünge in der Szene so kardinal, dass darauf in Kürze an dieser Stelle weiteres zu kommentieren bleibt.David Waskowski vom Chicago Marathon zeigt stolz das offizielle Dokoment der drei Kampfrichter mit den Zeiten für Kosgei von: 2:14:04,04, 2:14:03,4 und 2:14:03,38. Macht zusammen: 2:14:04 – neuer Weltrekord. (c) S. Hartnett

Das Rennen der Männer konnte nur in Sachen Spannung mit dem der Frauen mithalten, da die Entscheidung erst im Finale zwischen 4 Läufern fiel. Nach ersten 5 k,m in 14:45 und 10 km in 29:27 fiel bereits eine wichtige Voreinscheidung als aus der Spitzengruppe mit zwei Tempomachern und 9 Topläufern, der Vorjahres-Champion und Europarekordler Mo Farah (GBR), Bashir Abdi (BEL) und auch der Sieger von 2017 Galen Rupp (USA) den Anschluss nach vorne verloren. Über 44:10 bei 15 km und 59:01 bei 20 km erreichten sechs Läufer an der Spitze zusammen mit einem verbleibenen Tempomacher den Halbmarathon in 1:02:15 und hatten damit noch Aussichten auf den Kursrekord von Dennis Kimetto von 2:03:45.

Auf den letzten 5 km bestimmten Dejene Debela, Asefa Mengstum Lawrence Cherono sowie Bedan Karoki mit der Schuhfarbe „pink“ das Geschehen an der Spitze. (c) S. Hartnett

Über 1:13:57 bei 25 km erreichte die Männerspitze 30 km in 1:28:59, wo sich der verbliebene Tempomacher und Windbrecher verabschiedete. Ein Zwischenspurt von Bedan Karoki (KEN) kostete dem Mitfavoriten Dickson Chumba (KEN) den Anschluss nach vorne, den kurz darauf auch Seifu Tura (ETH) verlor. Da die km-Abschnitte nur noch im 3 Minuten/km-Bereich lagen, war mittlerweile der Kursrekord völlig aus dem Visier geraten, man agierte noch im Bereich knapp unter 2:06 Stunden.

Als 35 km in 1:43:54 zurückgelegt waren lagen neben Karoki noch Lawrence Cherono, Asefa Mengstu (ETH) sowie Dejene Debela (ETH) in der Führungsgruppe, die über 1:59:10 bei 40 km auf der South Michigan Avenue bis 400 m vor dem Ziel im Anstieg auf der Rooseveld Ave zusammenblieben. Das sehenswerte Sprintfinale sah zunächst Debela vorne, doch auf der langen Zielgeraden auf dem Columbus Drive zog der Boston Sieger Cherono noch an dem Äthiopier vorbei, um das Rennen in 2:05:45 knapp zu gewinnen. Das „Double“ Boston-Chicago im gleichen Jahr war zuletzt seinem Landsmann Robert Cheruiyot im Jahr 2006 gelungen.

Platz 2 ging an Debela in 2:05:46 vor Assefa Mengstu in 2:05:48. Auch Platz 4 sah in 2:05:53 durch Bedan Karoki noch eine Zeit von unter 2:06 Stunden. Erst auf Platz 8 kam der Vorjahressieger und Lauflegende Mo Farah in 2:09:58 ins Ziel, auch nach der Auslahmeleistung von Kipchoge einen Tag zuvor in Wien war das ein herber Rückschlag für den Briten in Richtung Weltklasse auf der Marathondistanz, nachdem er die Bahnlangstrecken in der letzten Dekade fast im Monopol beherrschte. Noch schlimmer erging es seinem ehemaligen Trainingspartner im Oregon Projekt Galen Rupp, der bei etwa 35 km das Rennen aufgab.

Einen weiteren Rekord gab es in der Teilnehmerzahl, denn knapp 46.000 Finisher überquerten die Ziellinie im Grant Park. Damit bleibt man in Chicago hinter New York City (52.813) und Paris (48.029) auf Platz 3 im globalen Ranking. In guter Tradtion ist der Frauenanteil in den USA ausgesprochen hoch, am Sonntag in Chicago betrug er ca. 46 %.

Ergebnisse Marathon der Männer:
1. Lawrence Cherono KEN 2:05:45
2. Dejene Debela ETH 2:05:46
3. Asefa Mengstu ETH 2:05:48
4. Bedan Karoki KEN 2:05:53
5. Bashir Abdi BEL 2:06:14
6. Seifu Tura ETH 2:08:35
7. Dickson Chumba KEN 2:09:11
8. Mo Farah GBR 2:09:58
9. Jacob Railey USA 2:10:36
10. Jerrell Mock USA 2:10:37
Ergebnisse Marathon der Frauen:
1. Brigid Kosgei KEN 2:14:04 WR
2. Ababel Yeshaneh ETH 2:20:51
3. Gelete Burka ETH 2:20:55
4. Emma Bates USA 2:25:27
5. Fiannuala McCormack IRL 2:26:47
6. Stepahnie Bruce USA 2:27:47
7. Lindsay Flanagan USA 2:28:08
8. Laura Thweatt USA 2:29:06
9. Lisa Weightmann AUS 2:29:45
10. Taylor Ward USA 2:30:14

Die 5 km-Splits von Kosgei zum Weltrekord:

5 km: 15:28
10 km: 16:00 (31:28)
15 km: 15:58 (47:26)
20 km: 16:01 (1:03:27)
 HM: 1:06:59
25 km: 16:06 (1:19:33)
30 km: 15:45 (1:35:18)
35 km: 15:57 (1:51:14)
40 km: 15:58 (2:07:11)
  Ziel: 2:14:04 (6:53)