42. Bank of America Chicago Marathon am 13. Oktober 2019: Brigid Kosgei jagt den Streckenrekord

Seit 30 Jahren zeichnet Carey Pinkowski mit einer Mischung aus Können und gesunder Arroganz für die Geschicke des  Bank of America Chicago Marathon verantwortlich. Er hat damit guten Grund auf ein beeindruckende Bilanz zurückzuschauen, die den Chicago in allen Belangen in die Weltliga des Marathonlaufs gebracht hat. Schon formal ist dieses an der Zugehörigkeit zur „Eliteliga“ der World Marathon Majors ersichtlich, deren Seriensieger der abgelaufenen Periode in Chicago geehrt wurden. Da diesen gut dotierten Wettbewerb so gut wie niemand verfolgt, geschweige denn jemanden nteressiert, waren die Auszeichnungen ein Geschehen am Rande.

Race Director Carey Pinkowski (links) blickt zusammen mit Moderator Tim Hutchins auf 30 Jahre (Marathon-)Geschichte in Chicago zurück. (c) H. Winter

Weit mehr in den Fokus gerieten jedoch Geschehnisse im Vorzeigeprojekt eines der Hauptsponsoren, die auch Athleten betrafen, die auf der Startliste der 42. Ausgabe am kommenden Sonntag stehen. Entsprechend angespannt ging es im Vorfeld der Pressekonferenz am heutigen Freitag zu, in der am Ende einen Menge Athleten vorgestellt und befragt wurden. Fragen aus dem Auditorium waren aber nicht zugelassen und wurden in das Privatissimum danach delegiert.

Brigid Kosgei gewann die WMM-Wertung Nr. 12 und ist der Topfavorit für das Rennen am Sonntag. (c) H. Winter

Topstar für das Rennen am Sonntag ab 7:30 Uhr Ortszeit ist Brigid Kosgei (KEN), die vermeintlich aktuell beste Straßenläuferin auf globaler Szene und die konsequenter Weise auch die Wertung der letzten Serie der Abbott World Marathon Majors (WMM) gewann. Spätestens nach ihrer grandiosen zweiten Hälfte beim London Marathon im April und ihrem Auftritt über die halbe Distanz beim Great North Run Anfang September in 64:28 ist Kosgei eines erste Anwärterin auf Rekordmarken. Und die zwei hier relevanten Rekorde werden beide von der Lauflegende Paula Radcliffe gehalten, die in Chicago derzeit auch vor Ort ist.

Im Jahr 2002 lief Paula bei kühlen und windigen Verhältnissen, wie sie auch am Sonntag vorhergesagt werden, mit 2:17:18 einen Weltrekord. Diese Marke hat als Kursrekord in Chicago bis heute Bestand und ist das erklärte Ziel von Brigid Kosgei. Die letzten Vorstellungen der 25-jährigen Kenianerin waren allerdings so eindrucksvoll, dass man ihr auch einen realistischen Angriff auf den Weltrekord der Frauen zutraut, den gleichfalls mit 2:15:25 Paula Radcliffe seit 2003 hält und der sich zu einer unerreichbaren Grenze im Marathonlauf der Frauen entwickelte. Bereits im letzten Jahr konnte Kosgei in Chicago mit hochklassigen 2:18:35 überzeugen, es bestehen wenig Zweifel, dass sie ihre PB deutlich zu steigern vermag.

Ihre Konkurrenz ist sehr überschaubar. Da ist zum einen die US-Nachwuchshoffnung Jordan Hasay (USA), die sich 2017 in Chicago auf 2:20:57 steigerte und nach längerer Verletztungspause beim Boston Marathon 2019 Platz 3 in 2:25:20 erreichte. Wie weit sie in der Lage sein könnt, den US-Rekord von Deena Kastor von 2:19:37 angreifen zu können, ließ die Athletin aus dem umstrittenen NIKE Oregon Projekt (NOP) offen. Betsy Saina (KEN) gewann 2018 den Paris Marathon in 2:22:56, in Frankfurt lief sie 2017 2:24:35. Madai Perez (MEX) lief ihren ersten Marathon vor 16 Jahren in Chicago und 2006 ihre PB von 2:22:59. 2017 überraschte sie noch einmal in Chicago als Vierte in 2:24:44. Seit dieser Zeit hat sie keinen Marathon mehr beendet.

Ihre PB von 2:25:15 beim London Marathon 2017 möchte Lisa Weightmann (AUS) steigern, die sich im April im Halbmarathon auf 1:08:48 verbessern konnte. Von deutscher Seite ist der Start von Anke Esser (GER) anmerkenswert, die allerdings von ihrem Leistungspotential mit einer Bestzeit von 2:43:14 eher in den Bereich engagierter Freizeitsportler einzuordnen ist.

Bei den Männern ist der Vorjahressieger Sir Mo Farah (GBR) auch in diesem Jahr am Start. Im letzten Jahr konnte er im Regenrennen nach verhaltenem Beginn im Schlusspart überzeugen und den Lauf in Europarekordzeit von 2:05:11 gewinnen. Sein Auftritt beim London Marathon im April war mit Platz 5 in 2:05:39 gut, aber mit der Spitze konnte er nach der Hälfte nicht mehr mithalten. Dafür konnte er Anfang September beim Great North Run mit seinem Sieg im Halbmarathon in PB von 59:07 überzeugen (Kurs nicht Regel konform).

Mo Farah tritt auch dieses Jahr beim Chicago Marathon an. (c) H. Winter

Im letzten Jahr lieferte sich Farah bis zum Schlussanstieg auf der Brücke der Roosevelt Ave ein Duell mit dem äthiopischen Nachwuchsstar Mosinet Geremew, der in London hinter Eliud Kipchoge überzeugen konnte, in Chicago diesmal aber nicht auf den Startlisten steht (wurde letzte Woche in Doha Vize-Weltmeister). Mo hatte zuletzt in Flagstaff trainiert und fühlt sich gut gerüstet für den Kampf gegen starke Konkurrenz. Dabei haben in den letzten Tagen die beiden Athleten mit den besten Vorleistungen Getaneh Molla (ETH) und Herpasa Negasa (ETH) abgesagt, die beide beim Dubai Marathon im Januar 2019 am Start waren und mit grandiosen Leistungen glänzten.

Dickson Chumba (KEN) lief seinen schnellsten Marathon im Jahr 2014 mit 2:04:32 als Dritter in Chicago. In der Tempomacher-losen Epoche gewann er hier im Jahr 2015 in 2:09:25 und wurde ein Jahr später hinter Abel Kirui Zweiter. Im letzten Jahr stieg er aus und Anfang März 2019 wurde er in Tokyo Dritter in 2:08:44. Mit Lawrence Cherono (KEN) kommt der Sieger des diesjährigen Boston Marathon erstmals nach Chicago, nachdem er zweimal in Honolulu und auch vor allem in Amsterdam als Sieger einlief. Im letzten Jahr gewann er den Amsterdam Marathon mit Streckenrekord von 2:04:06.

Weitere Absagen betreffen Kenneth Kipkemoi (KEN), der bei seinem Debüt 2018 den Rotterdam Marathon  in 2:05:44 gewann und im letzten Jahr in Chicago Vierter in 2:05:57 wurde, und Hassan El Abbassi (BRN), der im Dezember 2018 beim Valencia Marathon einen Leistungsprung mit Landesrekord auf 2:04:43 machte.

Der US-Topläufer Galen Rupp ist auch in diesem Jahr beim Chicago Maratho und trainierte bisher im Rahmen des Oregon Projekts. (c) H. Winter

Galen Rupp (USA) gewann in Chicago im vorletzten Jahr, im letzten Jahr wurde er in 2:06:21 Fünfter, nachdem er beim Prag Marathon im Mai seine PB auf 2:06:07 steigerte. Abgesagt nach langer Verletzungspause hat sein Landsmann Dathan Ritzenhein (USA). Dagegen hat Bedan Karoki (KEN) fast den Status eines Geheimfavoriten, der sich erst vor wenigen Wochen bei seinem Sieg beim Halbmarathon in Buenos Aires in 59:05 in großartiger Form präsentierte. Bedan wurde beim Tokyo Marathon 2019 Zweiter in PB von 2:06:48, hat aber sicher das Potential für wesentlich schnellere Zeiten.

 Elitefeld der Männer:
Getaneh Molla – DNS
Herpasa Negasa – DNS
Lawrence Cherono
Dickson Chumba
Hassan El Abbassi – DNS
Mo Farah
Kenneth Kipkemoi – DNS
Galen Rupp
Bedan Karoki
Dathan Ritzenhein – DNS
Minato Oishi
Shoya Osaki
Ryoma Takeuchi
Yuta Takahashi
Tsubasa Hayakawa
Joel Tobin-White
Emmanuel Roudolff-Lévisse
ETH
ETH
KEN
KEN
BRN
GBR
KEN
USA
KEN
USA
JPN
JPN
JPN
JPN
JPN
AUS
FRA
2:03:34
2:03:40
2:04:06
2:04:32
2:04:43
2:05:11
2:05:44
2:06:07
2:06:48
2:07:47
2:10:39
2:10:48
2:11:20
2:11:25
2:12:01
Debüt
Debüt
 Elitefeld der Frauen:
Brigid Kosgei
Jordan Hasay
Betsy Saina
Madai Perez
Lisa Weightman
Fionnuala McCormack
Jovana de la Cruz
Natasha LaBeaud
Chirine Njeim
Anke Esser
Alice Wright
KEN
USA
KEN
MEX
AUS
IRL
PER
CAN
LBN
GER
GBR
2:18:20
2:20:57
2:22:56
2:22:59
2:25:15
2:30:38
2:31:33
2:35:33
2:39:21
2:43:14
Debüt