„INEOS1:59“ am 12. Oktober 2019 in Wien: Ein Marathonlauf für die „(sport-)historische Mülltonne“

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Nach Lage der Dinge wird der zweite Angriff Eliud Kipchoges (KEN) auf die 2 Stunden-Barriere im Marathon bereits zum ersten möglichen Zeitpunkt am Samstag, den 12. Oktober 2019 auf der Hauptalle im Wiener Prater erfolgen. Mit einem Riesenaufwand und fast unbegrenzten finanziellen Ressourcen wurde aus „Breaking 2“ im Mai 2017 das „INEOS1:59-Projekt“, das der britischen Milliadär Jim Ratcliffe – hat nichts mir der Lauflegende Paula Radcliffe gemein – initiert hat (und bezahlen wird). Nachdem zunächst London und dann auch der Berliner Tiergarten im Gespräch waren, wird das mit einem erheblichen Hype in den Medien propagierte Spektakel im Prater der österreichischen Hauptstadt vermutlich in den frühen Morgenstunden gestartet. Im Gegensatz zum Vorgänger auf der Autorennbahn in Monza hält man in metikulöser Beobachtung der metereologischen Bedingungen den genauen Starttermin offen; basierend auf Kipchoges üblichen Trainingszeiten werden sich die Zuschauer vermutlich früh auf die Socken machen müssen.

Die Wettervorhersage für das kommende Wochenende mit den Daten für den 12. Oktober 2019 um 8 Uhr Ortszeit. (c) wunderground.com

Neben einem Team von London Marathon zeichnen die Organisatoren des Wien Marathon für das Spektakel verantwortlich und sehen in der Tempohatz im Vergnügungspark mit den Worten des Race Directors vom Wien Marathon, Wolfgang Konrad, „das bedeutendeste Sportereignis, das je in der Hauptstadt stattgefunden hat.“ In Sachen „Sport“ kann man das sicher anzweifeln, als „Event“ mit einer gewaltigen Marketing-Maschinerie im Rücken liegt Konrad sicher schon weniger daneben. Sein Vienna City Marathon (VCM) wird ohne Zweifel einen erheblichen Boost an Popularität bekommen, entsprechend erfolgt der Start an der Stelle des VCM auf der Reichsbrücke, bevor es für Kipchoge und sein Gefolge auf die Runden durch den Prater geht. Was dann am Ende das ganze Unterfangen wemauchimmer bringt, erscheint allerdings mehr als fraglich.

So attraktiv die bis vor kurzem als kaum realistisch zu knackende  Barriere von 2 Stunden für einen (vollen) Marathon auch immer sein mag, das Projekt in Wien ist leider wieder so angelegt, dass es – wie schon 2017 in Monza – nicht Regel konform über die Bühne gehen soll. Zu einem „Bannister des Marathonlaufs“ wird somit Eliud damit nicht werden. Während die Meilen-Legende am 6. Mai 1954 eine Traumgrenze der Leichtathletik in allen Belangen sportlich korrekt unterbot und damit zu Recht zur sporthistorischen Ikone wurde, wird Kipchoges Anrennen gegen ein weiteres Limit des Laufsports letztlich ein Muster ohne Wert darstellen.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie der Geschichte, dass fast ein Jahr zuvor Bannister noch an den 4 Minuten knapp scheiterte und der erzielte Landesrekord nicht anerkannt werden konnte, weil der Tempomacher Brasher sich überrunden ließ und nochmals ins Rennen eingriff. Bei Kichoge wird es gleich eine ganze Armada von „Hasen“ sein, die den Lauf zur Farce machen. Ohne weitere Diskussion sei dieszüglich angemerkt, dass die strömungsphysikalischen Effekte der Schrittmacher mitnichten erschöpfend behandelt scheinen. Zudem stehen diese in so engem Bezug mit thermodynamischen Beiträgen zur Dissipation von Energie der Wärmekraftmaschine Mensch, dass ohne Sicht auf den Gesamtkomplex leichtfertig unangemessene Schlüsse abgeleitet werden. Das viele Geld für die Hasen hätte man sich dann zu einem größeren Anteil sparen können.

Die geringe Nachhaltigkeit der schon fast vergessenen Aktion auf dem Autodrome in Monza wird auch dem INEOS1:59-Projekt drohen, so wie sich z.B. auch niemand mehr an den 100 m-Lauf mit „Weltrekord“ von 9,45 sec durch Justin Gatlin in einer japanischen TV-Sendung erinnert, der mit massiver Unterstützung von Windmaschinen gefördert wurde. Sobald man den Pfad des Regelwerks verlässt, gibt es kaum noch Grenzen der leistungsfördernden Unterstützung. Deshalb ist es auch wenig konsequent, wenn Kipchoge das Regime des Erlaubten mit wechselnden Tempomachern und weiteren kleinen Hilfen nur sehr begrenzt überschreitet. Erst kürzlich wurde ein Marathon aus der spanischen Sierra ins 1900 m tiefer gelegene Granada gestartet, wo ein kenianischer Nobody bis fast 30 km ein 2 Stundentempo halten konnte.

Skizze des Streckenverlaufs bei der „INEOS1:59-Challenge“ mit Start auf der Reichsbrücke und anschließend 4 Runden auf der Hauptalle durch den Prater. (c) INEOS1:59-Projekt

Es ehrt die Macher des Events, dass der historische Lauf auf dem topfebenen Kurs auf der (für viel Geld neu asphaltierten) Hauptallee im Prater über die Bühne gehen soll. Eine Notwendigkeit, die Regel von 1 m Gefälle pro km Laufstrecke einzuhalten, gibt es bei der sonstigen Konzeption des Rekordversuchs eigentlich nicht. In Monza hatte das sture Festhalten an den Kurs auf der Autopiste vermutlich dem wackren Eliud die 2 Stunden-Barriere gekostet, der alternativ die letzten ca. 5 km auch mit Unterstützung von 50 m Gefälle in die Stadt hinein hätte rennen können. Bei Einsatz weiterer leistungssteigender Aktionen hätte im Anschluss kaum jemand solche „Details“ nachgefragt. Was zählt, ist letztlich nur der Erfolg: Den Marathon unter 2 Stunden, „koste“ es, was es wolle. Notfalls – wie nun auch in Wien – mit der Regel verletzenden Brechstange.

Abgesehen davon, dass Kipchoge in Monza gezeigt hatte, das für ihn das vermeintliche Traumziel erreichbar scheint, muss man den Machern in Wien bescheinigen, dass sie vom ersten Versuch durchaus einiges gelernt haben und die Optimierung der Dinge fast schon übertreiben. Dabei leuchtet es irgendwie nicht ein, warum man es nicht „legal“ probiert und damit dem ganzen Projekt die historische Nachhaltigkeit verleiht. Der Meister selbst und jüngst auch Kenenisa Bekele haben in Berlin in der zweiten Hälfte eines Stadt-Marathon gezeigt, dass man auch ohne Tempomacher im 2 Stundenregime rennen kann. Sowohl Kipchoge als auch Bekele liefen diesen Part in Berlin genauso schnell wie beim Retortenrennen in Monza.

Verfolgt man die Idee eines Regel konformen Anrennens gegen die „Traumbarriere“ etwas weiter, so hätte man sich vorstellen können, einen „Wettkampf“ auszuschreiben, beim dem Topläufer der Szene ein Rennen „mit“ Eliud bis 25 km oder sogar 30 km bestreiten und dabei aber eine Renngestaltung im 2 Stundenbereich für den Marathon einhalten müssten. Anstelle einer Armada klangvoller Namen aus der Laufszene, deren Eignung als Tempogestalter nicht zwingend gegeben ist und häufige Wechsel der Helfer kaum optimal erscheint, wäre Kipchoge dann nach ca. 30 km auf sich gestellt und müsste – wie bei einem Stadtmarathon – das historische Werk allein vollenden. Der Ruhm als erster Mensch eine weitere Traumbarriere unterboten zu haben, wäre dem Ausnahmeläufer sicher.

Voraussetzung für die Umsetzung eines solchen Konzepts wäre allerdings eine weitere Optimierung der Bedingungen. Und da ist Wien – da möge die Schar der angeheuerten Wetterfrösche noch soviele Daten erfassen und bewerten – nicht der richtige Ort. Wie auch schon Monza bieten mitteleuropäische Lokalitäten einfach nicht die Konditionen extrem trockener Luft, die auch am kommenden Wochenende im Regime eines Taupunkts von 7°C bis 10°C liegen wird. Schon allein die dadurch reduzierte Effizienz der Kühlung des Körpers durch die Verdunstung des Schweisses ergibt einen leistungshemmenden Faktor, der Kipchoge in der Form von Monza ansonsten unter die 2 Stunden gehievt hätte.

Zum Beispiel im Hochplateau von Phoenix/Tempe in Arizona (USA) – da lief Haile im Januar 2006 mit 58:55 einen grandiosen Weltrekord im Halbmarathon – sind in den Wintermonaten die Bedingungen für Höchstleistungen im Laufsport mit extrem trockener Luft (negativer Taupunkt) wegen der sehr effizienten Kühlung des Körpers durch Ausschwitzen nahe am optimalen Limit. In dieser „Wüstenregion“ lassen sich zudem problemlos Strecken finden, die bei dem zulässigen Gefälle von 42 m auch von diesem Aspekt her ideale Voraussetzungen für Rekordversuche bieten. Haile nutzte diese damals konsequent aus und lässt grüßen.

Nimmt man dann noch die unübersehbaren „Fortschritte“ bei der Entwicklung des Schuhwerks hinzu, die allerdings aktuell ein Grenzregime erreicht haben mag – die Häufung der Fabelzeiten mit den NIKE Vaporflys in der letzten Zeit ist nicht zu übersehen -, und nutzt auch die Entwicklungen in der Verpflegung konsequent aus, dann könnte es möglich erscheinen, dass Eliud Kipchoge sein Traumziel auch sportlich ohne Vorbehalte erreicht.

Was die Sportwelt in Wien erwartet, ist ein vom Medienhype getriebenes Event, das selbst bei erfolgreichem Erreichens des plakativen Ziels – die Chancen stehen sicher nicht schlecht – seinen Weg in die „(sport)historische Mülltonne“ finden wird. Eigentlich schade, vor allem für einen der größten Marathonläufer der Geschichte: Eliud Kipchoge.

london-mar-2019-race-kipchoge-vor-zielEliud Kipchoge wird ab dem 12. Oktober in Wien zum zweiten Mal auf die Jagd nach einer Zeit von unter 2 Stunden für den (vollen) Marathon gehen. (c) H. Winter