Lauf in neue Dimensionen: Geoffrey Kamworor läuft mit 58:01 Halbmarathon Weltrekord

Der kenianische Topläufer und dreifache Halbmarathon-Weltmeister Geoffrey Kamworor (KEN) lief bei der 5. Auflage des Telenor Copenhagen Half Marathon am 15. September 2019 die Konkurrenz in Grund und Boden und schaffte mit 58:01 eine phänomenale Steigerung des Weltrekords über seine Spezialstrecke. Fast auf den Tag ein Jahr nach dem gleichfalls phänomenalen Weltrekord auf der vollen Marathondistanz von 2:01:39 in Berlin durch seinen Trainingspartner Eliud Kipchoge „pulverisierte“ Kamworor die globale Bestmarke in neue Höhen. Nicht nur die Verbesserung des alten Weltrekords von 58:18 durch Abraham Kiptum (Valencia 2018) um gleich 17 Sekunden war bemerkenswert, sondern auch die Tatsache, dass sich nach den Dopingvorwürfen gegen Kiptum im April dieses Jahres der Weltrekord nun wieder in „sauberen Händen“ befindet.

Stolz präsentiert Geoffrey Kamworor das Poster mit dem Hinweis auf den neuen Weltrekord. Bei der mustergültigen Organisation in Kopenhagen hatte man auch an dieses „Detail“ gedacht. (c) Veranstalter

Damit befinden sich die Rekordmarken auf der halben und vollen Marathondistanz auf sehr hohem Niveau und dürften nur sehr schwierig zu steigern sein. Diesbezüglich lohnt sich ein Blick auf die beiden Rennen der Ausnahmeathleten im September 2018 und 2019. Die herauszuhebende Gemeinsamkeit beider Rekordläufe ist die Tatsache, dass in beiden Fällen die kompletten zweiten Hälften im Sololauf, also ohne jegliche Unterstützung von „Hasen“, zurückgelegt wurden. Dies man als Indiz gelten, dass Tempomacher in einer frühen Phase des Rennens durchaus zur Tempofindung ihre Funktion haben, ihre Rolle danach aber in der Regel überschätzt wird.

Die hochkonzentrierte Tempohatz von Kipchoge und nun Kamworor im der zweiten Phase des Laufs veranschaulichen dies nachdrücklich (Schade das Kipchoge bei den „INEOS 1:59“ im Oktober in Wien nicht an die eigene Stärke und dieses Konzept glaubt.). Sieht man sich den genaueren Ablauf des Rennens auf den schnellen Straßen der dänischen Hauptstadt an, erkennt man, dass der Weltrekord insbesondere unmittelbar nach dem Aussteigen des zweiten und letzten Tempomachers bei 10 km erlaufen wurde. Während Kamworor bei 5 km mit einer Projektion von 58:39 Minuten noch deutlich über der Rekordmarke lag, änderte sich dies zwar bereits bei 10 km. Aber den richtigen Boost in Richtung Weltrekord gab es es im Sololauf von 10 km nach 15 km, wo er den Abschnitt in unglaublichen 13:27 herunterspulte und damit auf Kurs zu einer Zeit von 57:44 war.

Mit dieser Temposteigerung lief der Kenianer, der im November wieder beim Marathon in New York City am Start ist, das 10 km-Segment von 5 km nach 15 km in 27:09. Damit läge er in der aktuellen Welt-Jahresbestenliste für die 10 km hinter Namensvetter Geoffrey Koech (KEN) in 27:02 und Mathew Kimeli (KEN) in 27:07 auf Platz 3. Es war aber auch dieser Streckenteil, in dem er mitnichten nur Rückenwind hatte, der ihm so große Reserven einbrachte, dass er sich im Schlussteil ein 5 km-Segment von „nur“ noch 13:59 leisten konnte. Ansonsten wäre er an den bereits hochklassigen Marken von Zersenay Tadese (58:23) und Abraham Kiptum (58:18) gescheitert. Im übrigen war er im gesamten Rennen keinen Kilometer langsamer als 2:49 Minuten!

Die keinesfalls perfekten äußeren Bedingungen bei der sehr professional organisierten Veranstaltung in Kopenhagen sowie der Rennverlauf lassen erwarten, dass die 58 Minuten-Barriere im Halbmarathon der Männer nicht mehr lange Zeit bestehen wird. Geoffrey Kamworor, aber auch einige andere Nachwuchsläufer haben das Potential, schon in Kürze diese Schallmauer im Straßenlauf (Regel konform!) zu unterbieten. Insbesondere die letzten 5 km in fast 14 Minuten bieten das Potential einer weiteren Steigerung. Projizierte Zeit im Ziel als Funktion der Strecke von Geoffrey Kamworor beim Halbmarathon in Kopenhagen 2019. (c) H. Winter

Das Verhältnis der Weltrekorde im Halbmarathon der Frauen (1:04:51 durch Joyciline Jepkosgei, Valencia Oktober 2017) zu den Männern liegt jetzt bei 1,118 und damit leicht über den Werten für das Verhältnis der Weltrekorde bei 10 km und im vollen Marathon. Ansonsten kann schon jetzt der Straßenlaufsaison 2019 höchstes Niveau attestiert werden. Neben einer Flut von Streckenrekorden an allen Stellen des Globus ist hier insbesondere auch der Halbmarathon zu nennen.

Denn nur eine Woche vor dem Weltrekord bei den Männern in Kopenhagen lief Brigid Kosgei (KEN) beim Great North Run in englischen Newcastle mit 1:04:28 gleichfalls eine Fabelzeit bei den Frauen. Leider kann diese Marke schon wegen des Punkt-zu-Punkt-Kurses von Gateshead nach South Shields keine offizielle Anerkennung finden. Trotzdem hat der Halbmarathon von innerhalb nur einer Woche einen gewaltigen Leistungssprung in den Rekordzeiten vollzogen. Dies wird sicher nicht das Ende der Entwicklungen sein.

Deshalb ist es um so bedauerlicher, dass man im „INEOS 1:59“-Projekt mit Eliud Kipchoge Mitte Oktober in Wien kein Regel konformes Unterfangen plant. Wie einige andere Ausnahmeleistungen wird auch dieser Lauf dann – auch bei einer erfolgreichen Mission – in der „historischen Mülltonne“ verschwinden. Und es ist schon heute absehbar, dass im Zeithorizont von etwa einer Dekade die 2 Stunden im Marathon auch ohne eine Armada von „Hasen“ fallen wird. Werimmer dieser Athlet auch sein möge, ihm wird dann der Ruhm des „Roger Bannister auf der Königsdistanz“ für alle Zeit zu Teil werden.km-Splits als Funktion der Strecke von Geoffrey Kamworor beim Halbmarathon in Kopenhagen 2019. (c) H. Winter

Die inoffiziellen Splits von G. Kamworor:
split LAP pace 5 km split
1 km 2:42  2:42 56:58
2 km 5:32  2:51 58:32
3 km 8:19  2:47 58:29
4 km 11:07 2:48 58:38
5 km 13:54  2:47 58:39 13:54
6 km 16:39  2:45 58:33
7 km 19:25 2:46 58:31
8 km 22:10  2:45 58:27
9 km 24:55  2:45 58:25
10 km 27:36  2:41 58:14 13:42
11 km 30:20  2:44 58:11
12 km 33:01  2:41 58:03
13 km 35:41 2:40 57:55
14 km 38:22*  2:41 57:49
15 km 41:03*  2:41 57:44 13:27
16 km 43:48  2:45 57:45
17 km 46:36*  2:48 57:50
18 km 49:27  2:51 57:58
19 km 52:13  2:46 57:59
20 km 55:02  2:49 58:03 13:59
21 km 57:46  2:44 58:02
HM 58:01  2:59