39. Simplyhealth Great North Run am 8. September 2019: Mo Farah gewinnt zum sechsten Mal, Brigid Kosgei rennt Fabelzeit

great-north-run-logo-2017

Brigid Kosgei (KEN) und (Sir) Mo Farah (GBR) sorgten bei der 39. Ausgabe des  Great North Run im englischen Newcastle mit 1:04:28 sowie 59:07 für großartige Zeiten über die Halbmarathon-Distanz. Farah konnte damit den größten Lauf über die Halbmarathon-Distanz auf globaler Skala zum sechsten Mal in Folge gewinnen, und Kosgeis Zeit hätte den aktuellen Weltrekord der Frauen von 1:04:51 durch Joyciline Jepkosgei „pulverisiert“, wenn der Kurs an der englischen Ostküste Regel konform ausgelegt wäre. (Bei dem Punkt-zu-Punkt-Kurs von Newcastle an die Küste nach South Shields liegen Start und Ziel weit mehr als 50% der Gesamtstrecke auseinander, ferner liegt das Gesamtgefälle mit gut 30 m über dem erlaubten Limit von 1 m pro km-Strecke.)

In dem hochklassigen, aber überschaubaren Elitefeldern war es Brigid Kosgei, die für die Schlagzeilen des Tages sorgte. Seit ihrem Sieg beim Chicago Marathon im Oktober 2018 ist Brigid über alle Distanzen des Straßenlaufs ungeschlagen und glänzte beim London Marathon mit einer einmaligen zweiten Hälfte zu einer Zeit von 2:18:20. Mit 1:05:28 (also exakt eine Minute langsamer als heute) erzielte sie bereits im März in Bahrain die Welt-Jahresbestleistung für 2019 im Halbmarathon der Frauen. Somit hatte man schon mit einem schnellen Rennen gerechnet, dass die Ausnahmeläuferin aber ein derartiges Tempo vom Start weg anschlug, überraschte dann doch.

Schon nach der ersten Meile in 4:56 Minuten lag Kosgei weit vor der gesamten Konkurrenz. Nach 5 km in 15:39 waren die Schwestern Magdalyne und Linet Masai (KEN) zusammen mit der Lauflegende Mary Keitany (KEN) schon 11 Sekunden, d.h. ca. 60 m zurück. Doch dies war erst der Beginn der Galavorstellung der Brigid Kosgei. Selbst die ansteigenden Streckensegmente mit den Meilen 4 und 5 legte sie noch ein glatten 5 Minuten zurück, die abfallende 6. Mile sogar in 4:41, wobei 4:50 Minuten pro Meile einem 3 Minuten pro km-Tempo entspricht. So passierte sie die 10 km Marke schon nach 30:53 und lag damit auf Kurs zu einer Zeit von 1:05:10. Ihre drei Verfolgerinnen kamen erst nach 32:01 Minuten, lagen also schon über eine Minute zurück.

Brigid Kosgei gewann den Great North Run mit Streckenrekord. (c) BBC/Screenshot

Kosgei hatte keinen Schwächemoment, zog vor allem auf den abfallenden Passagen das Tempo immer wieder an und passierte 10 Meilen nach 49:21, das war 8 Sekunden schneller als der offizielle Weltrekord über diese Distanz. Unangefochten erreichte sie die lange Zielgerade in South Shields und passierte die Ziellinie nach unglaublichen 1:04:28, einer absoluten Fabelzeit, die leider – wie oben ausgeführt – keinen Eintrag in die Rekordlisten finden kann. Der Streckenrekord beim Great North Run stand bei ebenfalls hochklassigen 65:39 und wurde von Mary Keitany gehalten, die diesmal weit hinter Kosgei herlief.

Mary musste sogar den beiden Masai-Schwestern den Vortritt lassen. Magdalyne wurde in 1:07:35 Zweite und Linet kurz darauf in 1:07:43 Dritte. Magdalyne verpasste zwar ihre PB um 4 Sekunden, rutschte nun aber nach Platz4 im Jahr 2017 auf das Podium vor. Dahinter blieb für eine der besten Marathonläuferinnen, Mary Keitany, in 1:07:57 nur Platz 4. Eine beachtliche Leistungssteigerung zeigte auf Platz 5 Charlotte Purdue (GBR), die in 1:08:10 zum ersten Mal in ihrer Karriere unter 70 Minuten blieb und nun zuversichtlich auf ihren Marathonstart bei der WM in Katar Ende dieses Monats schaut.

Tamirat Tola konnte sich mehrfach von Farah an der Spitze absetzen, wurde immer wieder vom Superstar der Szene „eingefangen“. (c) BBC/Screenshot

Auch bei den Männern startete man mit einer ersten Meile von 4:26 das Rennen sehr flott, bis hier lag noch ein Pulk von 15 Läufern vorne, der aber schnell ausdünnte. Mit weiteren Meilenabschnitten in 4:41 und 4:31 waren noch 8 Akteure nach 5 km in 14:08 an der Spitze, wobei alle Favoriten dabei waren: Neben Mo Farah waren das der 28-jährige Tamirat Tola (ETH) mit einer PB von 59:37, Farahs Trainingspartner Bashir Abdi (BEL), der im letzten Jahr Dritter beim Great North Run in 1:00:42 wurde, Abdi Nageeye (NED), der in der Gruppe von Eliud Kipchoge trainiert, sowie Callum Hawkins (GBR).

Nach einer guten halben Stunde gab es dann eine Vorentscheidung, als Tola, Farah und Abdi das Tempo anzogen und bald darauf nur noch Tola und Farah allein an der Spitze lagen. Nach etwa 13 km gab es eine eine kurze Schrecksekunde für die Gastgeber, als ihr großer Star Sir Mo ca. 10 m zurückfiel und Tola versuchte ihn weiter zurückzulassen. Doch trotz einer flotten 8. Meile in 4:23 schaffte Mo relativ locker den Anschluss, wiederholte aber dieses Spiel nach 11 Meilen in 49:55 nochmals. Mo brauchte diesmal volle 3 Minuten, um Tola wieder einzuholen und startete nun seinerseits kurz vor der 12 Meilenmarke zu Beginn des Gefälles auf die Zielgerade seine Attacke, mit der er Tola schnell und entscheidend zurückließ.

Mo Farah gewann den Great North Run zum sechsten Mal in Folge. (c) BBC/Screenshot

Bei 20 km in 56:15 war schon klar, dass es eine sehr gute Zeit geben würde, aber Farah lief den Schlusspart ins Ziel so schnell (2:52), dass er nach 59:07 erreichte. Das war unter den benannten Einschränkungen eine PB für Englands Ausnahmeläufer, der Streckenrekord von knapp unter 59 Minuten blieb aber bestehen. Kurz darauf kam Tola in gleichfalls beachtlichen 59:13 ins Ziel, Abdi Nageeye arbeitete sich im zweiten Teil nach vorne und wurde in 59:55 Dritter.

Mo Farah konnte somit den Great North Run zum sechsten Mal in Folge gewinnen und zeigte sich bereits heute bestens gerüstet für seinen Auftritt gegen sehr starke Konkurrenz beim Chicago Marathon am 13. Oktober. Gleichfalls in Chicago wird die Siegerin bei den Frauen am Start sein, wobei das Elitefeld der Frauen aber mehr als überschaubar ist. Das wird Brigid aber wenig stören, die wird im gemischten Starterfeld mit Unterstützung von Männern sicherlich den Kursrekord in Chicago von 2:17:18 durch Paula Radcliffe aus dem Jahr 2002 jagen. Und nach den Leistungen am heutigen Tag kann man der 25-jährigen Kenianerin durchaus noch mehr zutrauen.

Ergebnisse Halbmarathon der Männer:
1. Mo Farah GBR 59:07
2. Tamirat Tola ETH 59:13
3. Abdi Nageeye NED 59:55
4. Callum Hawkins GBR 1:00:39
5. Ashir Abdi BEL 1:01:11
6. Faniel Eyob ITA 1:01:25
7. Mateo Daniel ESP 1:01:34
8. Komatsu Takumi JPN 1:01:35
Ergebnisse Halbmarathon der Frauen:
1. Brigid Kosgei KEN 1:04:28 CR
2. Magdalyne Masai KEN 1:07:35
3. Linet Masai KEN 1:07:43
4. Mary Keitany KEN 1:07:57
5. Charlotte Purdue GBR 1:08:10
6. Sinead Diver AUS 1:09:32
7. Ellie Pashley AUS 1:09:38
8. Fotyen Tesfay ETH 1:10:26