3. Xuzhou International Marathon (China) am 24. März 2019: WM-Qualifikation unter irregulären Bedingungen

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Im Rahmen der 3. Ausgabe des Xuzhou International Marathon in der Metropole unweit zur Küste des Chinesischen Meeres wurden die Ausscheidungen für die chinesischen Teilnehmer am Marathonlauf bei der WM im Herbst 2019 in Katar durchgeführt. Die Läufe über die volle Marathondistanz gewannen Duobu Jie (CHN) in 2:10:31 sowie bei den Frauen Yugui Ma (CHN) in 2:31:06. Bleibt zu hoffen, dass neben Ma auch Jie bei der WM für China starten darf, denn das Rennen der Männer verlief mehr als kurios und zudem irregulär.

Es steht außer Frage, dass der Laufsport im Reich der Mitte ungemeint boomt. Erst kürzlich wurde bekannt, dass die Lauf-„Industrie“ in China im letzten Jahr 11,1 US$ umgesetzt hatte, was einer Steigerung gegenüber dem Vorjahr von etwa 7 Prozent entspricht. Viel beeindruckender sind die Zahl der Verbandes CAA für 2018. Bei 1581 Laufveranstaltungen wurden 5,83 Millionen Teilnehmer registriert, davon 1,91 Millionen im halben und vollen Marathon. Allein die Steigerung von 2017 auf 2018 in der Anzahl der Läufe umfasst fast 50 Prozent.

xuzhou-mar-2019-radfahrerinEin Foto, das um die Welt ging: Eine „Läuferin“ betrügt auf dem Fahrrad. (c) China Post

Dies sind in der Tat eindrucksvolle Zahlen, doch auch die Kehrseiten der „Medaille“ kommen immer mehr in den Fokus der Öffentlichkeit. Und da sorgte auch der Marathon von Xuzhou für ein trauriges Highlight, vom dem in der Presse auch außerhalb Chinas ausführlich berichtet wurde (Von den sportlichen Abläufen erfährt man dabei aber so gut wie nichts!). Neben massiven Diebstählen von Material auf der Strecke vor und während der Veranstaltung, die kaum einzudämmen waren, sorgte eine Läuferin für Aufsehen, die einen Teil der Strecke auf dem Fahrrad zurücklegte. Auf die gute Frau namens Meng wartet nun eine lange Sperre (da ist man in China sicherlich sehr streng), allgemein ist ihre Schummelei im 5:38 Stunden-Regime aber von geringerem Interesse.

xuzhou-mar-2019-5km-menDie Spitzengruppe der Männer nach gut 15 Minuten. (c) Olympic Channel/Screenshot

Unlautere Methoden sind aber bei Topathleten überhaupt nicht zu tolerieren, so dass es mehr als erstaulich ist, dass der entsprechende Vorfall in keiner Weise bisher thematisiert wurde. Selbst dem Englisch sprachigen Kommentator im Livestream, der vielleicht erstmals mit einem Marathon zu tun hatte, war diesbezüglich nichts aufgefallen. Zunächst reduzierte sich die Spitze des Männerfeldes bei diesen chinesischen „WM-Trials“ schnell auf 6 Läufer – drei aus Ostafrika, drei aus China -, die 5 km in 15:16 und die 10 km sogar in 30:06 zurücklegten. Damit lag man auf Kurs zu einer Zeit um 2:07 Stunden, bei einem Kursrekord von 2:14:16!

Nach 15 km in 45:21, wo neben den drei Afrikanern noch die beiden Chinesen Jie und Jianhua Peng (CHN) dabei waren, gab es bald darauf die erste Überraschung. Denn bei 17 km in 51:28 verzweigte sich die Strecke. Dort liefen die afrikanischen Läufer geradeaus weiter und beendeten bald darauf den gesonderten Halbmarathon-Wettbewerb in 1:03:39, womit der Kursrekord um eine halbe Minute verpasst wurde. Die Chinesen Jie und Peng drehten an der Wende und liefen den (vollen) Marathon weiter, wobei sie 20 km nach 1:00:27 erreichten, d.h. auf Kurs zu schnellen 2:07:30 – eine Minute unter dem Landesrekord. Mit 40 Sekunden Abstand folgte Guojian Dong (CHN) an Position 3.

xuzhou-mar-2019-18km-pacer2Kurz vor 18 km stieg der erste „PACER“ (links) ins Rennen ein …. (c) Olympic Channel/Screenshotxuzhou-mar-2019-18km-pacer1… und unterstützte die beiden Führenden Peng und Jie (von links). (c) Olympic Channel/Screenshot

War und ist es schon fraglich, ob man in einem offiziellen Rennen eines Verbandes Läufer in verschiedenen Wettbewerben gegeneinander laufen lässt – man überlege nur einmal, der Berlin Marathon wird gleichzeitig mit einem Halbmarathon gestartet, so dass Läufer über die halbe Distanz als Tempomacher fungieren könnten -, so wurde es kurz vor der 18 km-Marke richtig peinlich. Denn dort wartete ein äthopischer Läufer auf das Führungsduo Jie und Peng und stieg nun mit einer der Startnummer „PACER“  ins Rennen ein. So erreichte man 25 km in 2:16:10, wo der namentlich nicht bekannte „Hase“ schlapp machte und die beiden Chinesen auf Kurs zu einer Zeit von 2:08:30 (Landesrekord) zurückließ.xuzhou-mar-2019-27km-menNach knapp 27 km gab es einen neuen (frischen) „Hasen“.  (c) Olympic Channel/Screenshot

Bei 30 km in 1:31:51 lagen Jie und Peng unvermindert vorne, Dong war weiterhin 40 Sekunden dahinter. Zuvor gab es die nächste „Überraschung“, als bei knapp 27 km ein frischer „Hase“ – gleichfalls mit der Startnummer „PACER“ – ins Geschehen einstieg. Der spannte sich nun vor die beiden Spitzenreiter, wobei schon bald Peng die hohe Fahrt nicht mehr mitgehen konnte und zurückfiel. Bei 35 km in 1:47:54 hatte die Spitze die letzten 5 km in nur noch 16 Minuten zurückgelegt, und trotz Tempomacher musste Jie nun für das unangemessen hohe Tempo im ersten Part büßen. Peng folgte hier mit 20 Sekunden Abstand, Dong lag weitere 35 Sekunden dahinter.

xuzhou-mar-2019-35km-menIn der Schlussphase kehrte der erste „PACER“ zurück. (c) Olympic Channel/Screenshot

Doch an der Spitze nahm damit die „Hasen-Jagd“ noch kein Ende. Denn auch der zweite „PACER“ zeigte Ermüdungserscheinungen, stieg aus … und fast einem Wunder gleich war kurz darauf der zuvor ausgestiegene Tempomacher wieder zugegen und spannte sich vor Jie! Wie diese „Teleportation“ gelang, war – wie auch einige andere Fakten – bisher noch nicht herauszubringen. Wie dem auch sei, bei seinem zweiten Einsatz zeigte der Tempomacher mehr Ausdauer, unterstützte den Chinesen bis kurz vors Ziel und Jie gewann in 2:10:31, womit er den Kursekord in Xuzhou um fast 4 Minuten steigerte. Dahinter lief Dong in 2:12:09 auf Platz 2 ein, vor einem am Ende einbrechenden Peng in 2:13:27 als Dritter. Danach folgten noch etwa weitere 7000 Läufer im Marathon.

xuzhou-mar-2019-finish-menDuobu Jie gewann den Xuzhou Marathon 2019 in 2:10:31. (c) Olympic Channel/Screenshot

So sehr man sich über den Laufboom im Reich der Mitte freuen und die Leistungen der Topläufer schätzen mag, so gibt es im internationalen Marathongeschäft Regeln, die verbindlich einzuhalten sind. Zumal bei dieser Veranstaltung die nationale Qualifikation für eine WM integriert war. Somit ist dies auch eine Angelegenheit für den internationalen Verband IAAF, der die guten Zeiten der chinesischen Topläufer nach den vorliegenden Statuten nicht anerkennen kann. Ob dies auch die Teilnahme an der WM 2019 ausschließt, wird sich zeigen müssen. Der Verband würde sich auf jeden Fall keinen Gefallen damit tun, diese „Monza“-ähnlichen Schrittmacherdienste zu tolerieren. In der Welt-Jahresbestenliste der IAAF sind die Zeiten aus Xuzhou bisher noch nicht gelistet.

Bei den Frauen war in dem gemischten Rennen diese Problematik nicht relevant. Hier dürfte sich die Siegerin Yugui Ma in 2:31:06 und die Nächstplatzierten Dan Li (CHN) in 2:31:39 und Cirencuo Mu (CHN) in 2:31:42 für das Nachtrennen bei der WM 2019 in Katar qualifiziert haben.

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