Globale Marathon-Szene im Jahr 2016: Noch nie waren die Männer schneller

london-mar-2016-bekele-finishKenenisa Bekele (ETH) war in der Saison 2016 mit 2:03:03 der schnellste Läufer im Marathon. (c) H. Winter

In der Geschichte des Straßenlaufs war die Saison 2016 die schnellste im Marathon der Männer, wenn man als Kriterium den Mittelwert der zehn schnellsten Zeiten aus einem Jahr zu Grunde legt. Sowohl der Äthiopier Kenenisa Bekele mit 2:03:03 Ende September in Berlin als auch der Kenianer Eliud Kipchoge mit 2:03:05 Ende April beim London Marathon kamen dabei der globalen Rekordmarke von Dennis Kimetto mit 2:02:57 sehr nahe.

Nachstehend sind die zehn schnellsten Zeiten im Marathon der Männer der Saison 2016 gelistet, die ein beeindruckendes Zehnermittel von 2:04:16,5 ergeben. So schnell ist man in der Leistungsbreite bisher noch nie gelaufen, obwohl man durch den Wind unterstützten Boston Marathon des Jahres 2011 (den man eigentlich in dieser Statistik nicht berücksichtigen sollte) dieser Marke schon einmal recht nahe kam. Die Zeiten dieses Jahres sind alle auf zertifizierten Strecken erzielt worden

1. 2:03:03 Kenenisa Bekele ETH Berlin 25. Sep
2. 2:03:05 Eliud Kipchoge KEN London 24. Apr
3. 2:03:13 Wilson Kipsang KEN Berlin 25. Sep
4. 2:03:51 Stanley Biwott KEN London 24. Apr
5. 2:04:24 Tesfaye Abera ETH Dubai 22. Jan
6. 2:04:33 Lemi Berhanu ETH Dubai 22. Jan
7. 2:04:46 Tsegaye Mekonnen ETH Dubai 22. Jan
8. 2:05:13 Wilson Erupe KEN Seoul 20 Mar
9. 2:05:16 Sisay Lemma ETH Dubai 22. Jan
10. 2:05:21 Daniel Wanjiru KEN Amsterdam 16 Oct
2:04:16,5  (Zehnermittel)

Der schnellste Marathon des Jahres 2016 auf der Basis des Zehnermittels war nicht der Berlin Marathon mit der besten Zeit des Jahres durch Bekele sondern der Amsterdam Marathon mit dem Zehnermittel von 2:06:22. Weitere Details dazu finden sich unter diesem Link.

Trägt man die Zehnermittel der letzten vierzig Jahre als Funktion der Zeit auf (Daten: Brett Larner, Japan Running News), ergibt sich eine Abnahme, die sich recht gut mit einer linearen Abhängigkeit approximieren lässt (s. Grafik). In diesem Zusammenhang bleibt es interessant, festzustellen, dass der monotone Trend zu schnelleren Zeiten nicht für die Entwicklungen in Ländern außerhalb Ostafrikas gilt; in den USA, Japan oder Europa ist in den letzten beiden Jahrzehnten eine ausgeprägte Stagnation unverkennbar. Der Trend, der zunehmend nur von den Läufern aus Kenia und Äthiopien bestimmt wurde, gilt somit nur auf globaler Skala.top-ten-marathon-men-till-2016Im Gegensatz zu der singulären Leistung eines Weltrekords hat das Zehnermittel der besten Zeiten eines Jahres eine höhere Signifikanz, zumindest von statistischer Seite her, und ist damit sicherlich besser geeignet, entsprechende Trends auf der Basis einfacher Projektionen zu benennen. Obwohl die Ausage mit höchster Vorsicht zu interpretieren ist, sei unter der Annahme einer Forschreibung dieser Entwicklungen der Datensatz auf jene Zeitspanne linear extrapoliert, in der ein Mittelwert von 2 Stunden (Thematik des „2-Stunden-Marathon“) erreicht wird. Die Steigung der linearen Regression (durchgezogene Linie in der Grafik) beträgt – 1,4324 10E-4 Tage/Jahr. Dies resultiert bei einer Marathon-Zeit von 2:04:16,5 = 0,086302 Tage im Jahr 2016 in einer Zeitdifferenz von 20,7 Jahren, in der das Zehnermittel der Marathon-Zeiten bei den Männern die 2-Stundenmarke erreichen sollte.

Solange wird man sich also noch gedulden müssen, bis auf der statistischen Grundlage der Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten der internationale Marathon auf einem Niveau von 2 Stunden angekommen sein könnte. Dies bedeutet aber keinesfalls, dass im Rahmen dieser Abschätzung die 2 Stunden über die volle Marathondistanz nicht schon eher, vielleicht sogar schon deutlich früher fallen könnten. Dies wäre allerdings dann das Resultat der Ausnahmeleistung eines einzelnen Individuums (sozusagen einer „männlichen Paula“).

Ernsthaft betrachtet, ist aber eine Vorhersage eines von vielen Parametern abhängigen Ereignisses derart unsicher, dass man im Kern eigentlich keine gesicherten Aussagen machen kann. Vieles wir davon abhängen, wie sich die internationale Straßenlaufszene weiter entwickelt und wie leistungsbezogen man auch in der Zukunft den Laufsport betreibt. Das Beispiel auf den Bahnlangstrecken lässt aktuell einen deutlichen Rückschritt erkennen, vor der auch der Marathon nicht gefeit ist. Bestrebungen einer zunehmenden Anzahl von Marathon-Veranstaltungen, sich nicht mehr an den Tempojagden zu beteiligen (prominentestes Beispiel: Chicago Marathon), kann als erster Schritt in diese Richtung gedeutet werden.

Und die Öffentlichkeit erheischendenen Aktionen zweier großer Sportartikel-Hersteller zum „Breaking 2 Hours“ sind sicherlich gelungene Inszenierungen von Public Relations. Ob diese auch den Sport weiter bringen, wird sich zeigen müssen. Vermutlich kaum schon im kommenden Jahr.