Ageo City Halbmarathon (Japan) am 20. November 2016: Ageo übertrifft sich selbst

ageo-hm-2016-logoDer Ageo City Half Marathon am Sonntag im Norden der japanischen Hauptstadt Tokyo ist alljährlich Mitte November Schauplatz eines Phänomens in der Laufszene, das man auf der Basis üblicher Standards kaum noch verstehen kann. Dass dann auch noch bei recht günstigen Bedingungen diese unfassbare Leistungsbreite weiter gesteigert wurde, lässt insbesondere den Fachmann mit irritierendem Erstaunen zurück. Was sich dort auf den Straßen Ageos auch in diesem Jahr wieder abgespielt hat, ist ohne Übertreibung unglaublich.

Video der EKIDEN NEWS über den Zieleinlauf beim Ageo Half Marathon 2016.

Um den Lauf in Ageo einschätzen zu können, betrachten wir eine Zeit von 1:05:22. Das ist zwar keine Spitzenzeit der internationalen Elite, aber trotzdem eine respektvolle Leistung, die bei einem km-Schnitt von 3:06 Minuten z.B. Zwischenzeiten von 15:30 Minuten für 5 km oder 31:00 für 10 km erfordert. Beim größten und bedeutendsten Halbmarathon in Deutschland, dem Berliner Halbmarathon Anfang April, haben genau 17 Läufer diese Marke erreicht oder unterboten. Tom Gröschel aus Rostock belegte mit dieser Zeit Platz 17 und sorgte für die übliche Leistungsbreite in Veranstaltungen dieses Kalibers.

In Ageo, wo es bis auf eine Einladung der New York Road Runners für die beiden Besten des Laufs in die USA keine Preisgelder gab und keine Eliteläufer am Start waren, unterboten am Sonntag 141 (in Worten: einhundertundeinundvierzig) Studenten aus dem Großraum Tokyo diese Zeit. Da sind fast 10mal mehr Läufer bei einer Starterzahl die um einen Faktor 30 unter der vom Berliner Halbmarathon liegt. In der leistungssportlichen Breite sind dies Welten.

Die hier diskutierte Zeit im Halbmarathon skaliert auch in etwa mit einer Zeit von 30 Minuten über 10 km Dies bedeutet u.a., dass mit dem Feld, das in Ageo an der Startlinie stand, bei einem Rennen über 10 km gut 150 junge Läufer unter 30 Minuten geblieben wären. Auch solche Zahlen sind unerreicht.

Die Akteure in Ageo sind so gut wie ausschließlich Stundenten der Tokyoter Universitäten, die vor allem auch wegen des legendären „Hakone-Ekiden“ an den Start gehen. Während sogar die Eliteläufer dieser Universitäten nur sporadisch in Ageo erscheinen, rennt das Gros des Starterfeldes mit Einsatz am absoluten Limit, um ggfs. mit einer schnellen Halbmarathon-Zeit sich noch im letzten Moment für eines der 20er-Teams des Ekiden zu qualifizieren. Und der Hakone Ekiden ist dann am 2. und 3. Januar der Höhepunkt mit einem noch höheren Leistungsniveau.

Wenn man dann auf der anderen Seite registrieren muss, auf welchem Niveau die (weitgehend) professionellen japanischen in „Übersee“ agieren und der Weltelite gehörig hinter herlaufen, dann kommt man schon ins Grübeln. Aber so richtig erklären, kann man dieses Phänomen nur bedingt. Ein Ansatz in dieser Richtung ist die Vermutung, dass die jungen Menschen auf einem derart hohen Niveau trainieren und sich belasten, dass sie beim Übergang in das Regime der internationalen Elite schlichtweg ausgebrannt sind. Aber diese Vermutung ist nur bedingt schlüssig. Auf jeden Fall sind die Verbandsoberen aktuell gerade auch in Sicht auf Olympia in Tokyo 2020 der Verzweifelung nahe, wenn es um die Zukunft des japanischen (Straßen-)Laufsports geht. Man andererseits aber ein Füllhorn junger Talente realisiert, die den Vergleich mit der kenianischen Szene nicht scheuen muss.

Wie dem auch sei, die äußeren Bedingungen durch eine plötzlich aufziehende Kaltfront mit kühlendem Nebel und mit Temperaturen um 10°C waren ideal. Streckenlänge, km-Marken, etc. sind mit japanischer Akribie vermessen, die Zeitmessung in Japan und deren Handling ist sowie unerreicht. Die Resultate in Ageo erscheinen somit sehr verlässlich.

Die Aussicht auf einen Start in New York City im Februar hatte in letzter Zeit auch einige der Topläufer der Hakone-Teams an den Start gebracht, und das führte in diesem Jahr zum Sieg von Rintaro Takeda aus dem vierten Studienjahr an Tokyos Waseda Universität. Takeda konnte im Sprint das Rennen für sich entscheiden und blieb dabei sogar mit 1:01:59 unter 62 Minuten. Abgesehen von einer frühen Führung des 18-jährigen Takumi Yokokawa, der bei 5 km in 14:25 auf Kurs von sogar 61 Minuten lag und noch vor 10 km eingeholt wurde, liefen die Erstplatzierten ein recht gleichmäßiges Tempo. So wurde 5 km nach 14:46 erreicht, und dann stets der Lauf auf Kurs zu 62 Minuten fortgesetzt. Die Splits der Siegers: 5 km – 14:46, 10 km – 29:28 (14:42), 15 km – 44:16 (14:48), 20 km – 58:57 (14:41), HM 1:01:59 (3:02). Auf dem letzten km lagen noch neun Läufer an der Spitze zusammen, bald dahinter das nicht endende Feld. Fast alle Läufer in den TOP100 schafften persönliche Bestleistungen.

Ein weiteres Video vom Lauf mit Aufnahmen von der Wende bei ca. 9,5 km, die die hohe Leistungsdichte des Feldes anschaulich demonstrieren.

Auch das japanische Lauf-Unikum Yuki Kawauchi war nahe seines Wohnorts in Ageo wieder am Start. Aber eine Wadenverletzung zwang ihn zu einem Jogging-Tempo, sein Start beim Fukuoka Marathon am 4. Dezember erscheint aktuell kaum möglich.

Den bei den Veranstaltungen in unseren Breiten üblichen Bruch zwischen Elite und „Fußvolk“ gibt es in Ageo so gut wie nicht. Es folgte beim Zieleinlauf Läufer auf Läufer, so wie man es z.B. bei uns noch in den 1980er Jahren beim Paderborner Osterlauf über die Kerndistanz von 25 km erleben konnte. In Ageo allerdings auf unvergleich höherem Niveau. Dies zeigt sich sehr deutlich in der nachstehenden Tabelle, in der die Finisherzeiten für spezifische Plätze mit dem Berliner Halbmarathon sowie dem Paderborner Osterlauf (Halbmarathon) in diesem Jahr verglichen sind. Wie oben schon ausgeführt, in der Leistungsbreit agiert das Rennen in einer eigenen Liga. Wenn man dann noch ins Kalkül zieht, welches Potential an weiteren Läufern an den Universitäten Tokyos und dem restlichen Land schlummert, kommt man zu Zahlen, die in allen Belangen unfassbar sind. Aber schon Ageo ist und bleibt ein außergewöhnliches Phänomen! Es zeigt aber auch, welchen Einfluss die Akzeptanz von Leistung in einer Gesellschaft und im Laufsport im besonderen auf junge Menschen ausüben kann. Da liegen wir hierzulande „meilenweit“ zurück!

Platz  2010  2011  2012 2 013  2014  2016 B2016 PB2014
  1 1:01:47 1:02:37 1:02:46 1:02:45 1:02:02 1:01:59  59:58 1:01:44
 10 1:03:46 1:03:44 1:03:31 1:03:23 1:02:55 1:02:28 1:04:06 1:13:53
 50 1:05:04 1:05:13 1:04:51 1:04:07 1:04:09 1:03:47 1:10:01 1:24:23
100 1:06:10 1:06:16 1:05:53 1:04:49 1:05:02 1:04:42 1:14:05 1:27:53
200 1:08:10 1:08:03 1:07:48 1:06:08 1:06:21 1:06:11 1:18:47 1:33:37
300 1:10:40 1:10:13 1:10:25 1:07:51 1:08:05 1:08:20 1:23:11 1:40:50

Die TOP25 beim Ageo Halbmarathon 2016:

ageo-hm-2016-top25

„Übersetzung“ (Brett Larner, „Japan Running News“)
1. Rintaro Takeda (Waseda Univ.) – 1:01:59
2. Kenta Ueda (Yamanashi Gakuin Univ.) – 1:02:01
3. Shota Onizuka (Tokai Univ.) – 1:02:03
4. Takumi Komatsu (Nittai Univ.) – 1:02:04
5. Akira Aizawa (Toyo Univ.) – 1:02:05
6. Shoji Takada (Suzuki Hamamatsu AC) – 1:02:11
7. Kazuma Taira (Waseda Univ.) – 1:02:14
8. Yohei Suzuki (Waseda Univ.) – 1:02:16
9. Junnosuke Matsuo (Tokai Univ.) – 1:02:17
10. Takaya Sato (Yamanashi Gakuin Univ.) – 1:02:28
Ausgewählte Plätze:
50. Hirohito Yokoi (Teikyo Univ.) – 1:03:47
100. Kenta Asakura (Kanagawa Univ.) – 1:04:42
150. Masahiko Shiranaga (Nittai Univ.) – 1:05:28
200. Keiya Arima (Chuo Gakuin Univ.) – 1:06:11
260. Takahiro Watanabe (Teikyo Univ.) – 1:06:59
300. Hironari Fujita (Asia Univ.) – 1:08:20
973. Yuki Kawauchi (Saitama Pref. Gov’t) – 1:34:26 – Wadenverletzung

Dank an Brett Larner („Japan Running News“, Tokyo) für seine Unterstützung.