31. Olympische Spiele in Rio – Marathon der Frauen am 13. August 2016: Hinterhergelaufen …

rio-verzerrte-olympische-ringeHand in Hand liefen die beiden Zwillinge aus Gengenbach am Sonntag beim Marathon der Frauen bei extremen äußeren Bedingungen über die Ziellinie und ernteten dafür nicht nur Anerkennung sondern auch massive Kritik, insbesondere vom DLV-Sportdirektor Thomas Kurschilgen. Sein – allerdings sehr kurzsichtiges – Fazit der ganzen Aktion: „Hand in Hand geht man spazieren, aber nicht über eine Olympische Marathon-Distanz.“ Die Hahner-Twins hatten den Olympischen Marathon mit über 20 Minuten Rückstand auf die Siegerin und mehr als 15 Minuten über ihren Bestleistungen auf Platz 81 und 82 beendet. „Die absolvierten einen Volkslauf und nicht eine Olympische Entscheidung. Wenn Platzierung und Zeit bei einem Olympischen Wettbewerb in den Hintergrund treten, dann ist das respektlos und ein Schlag ins Gesicht gegenüber allen anderen Athleten der deutschen Olympiamannschaft“, bilanzierte der aufgebrachte DLV-Mann.
olympia-2016-marathon-hahners-einlaufHand in Hand laufen die Hahner-Twins nach gut 2:45 Stunden ins Ziel. Kleiner Test: Wer ist Lisa, wer ist Anna?  (c) ARD-Screenshot

So sehr der wackre DLV-Funktionär von der leistungssportlichen Komponente her Recht haben mag, zeugen seine Äußerungen doch von einer fehlenden Einsicht der Dinge. Denn man kann den beiden Strahlefrauen der deutschen Marathonszene nun wirklich nicht vorwerfen, dass diese nicht auch leistungsbereit sind und schon einige Male in ihrer Karriere ans absolute Leistungslimit gegangen sind. Um die Geschehnisse in Rio allerdings zu relativieren, sollte der gute Herr Kurschilgen dann auch mitteilen, was er denn eigentlich von den Twins erwartet hätte. Kampf bis ans Limit (bis zum Umfallen)?

Fehlender Einsatz lässt sich leicht im Vergleich zu „anderen Athleten“ konstatieren, vor allem auch, wenn man sieht mit welcher Hingabe und welchem Leistungswillen die Dressurreiter(innen) auf ihrem Wallach daherreiten, der Dreistellungsschütze, der Welt entrückt, den Hebel am Abzug zieht oder der Golfprofi seine Bälle im Bogey durch die Weiten des Greens schlägt . Bei aller Anerkennung solcher Leistungen hätte ein Schritt aus den klimatisierten oder Schatten spendenden Sportstätten am letzten Sonntag schnell gezeigt, dass durch einen Wetterumschwung dort draußen extreme Bedingungen herrschten. Dass man Topathleten in einer extremen Ausdauerdisziplin solchen Randbedingungen überhaupt aussetzt, grenzt an Verantwortungslosigkeit, die schon über viele Jahre andauert, und es sind kaum Bestrebungen zu erkennen sind, dies grundlegend zu ändern.

Mit einer Leichtfertigkeit setzen sich da die Funktionäre und Verbände über die Interessen der Athleten(innen), vor allem aber auch deren Gesundheit hinweg, dass es einem fast die Sprache verschlägt und man sich schon fragen muss, wo eigentlich deren Verantwortung für ihre Schützlinge bleibt. So angebracht die Kritik des DLV-Oberen im allgemeinen sein mag, in Sachen Hahner-Twins und Rio ist sie deplatziert, ja schon fast eine Unverschämtheit.

Was hätten den die beiden jungen Frauen in der Sicht ihres Kritikers anders machen sollen? Dass die Weltklasse an der Spitze auch bei solchen extremen Bedingungen auf höchstem Niveau agiert, ist faszinierend zu sehen, entlässt aber die Verantworlichen nicht aus der Tatsache, dass man hier ein „gefährliches Spiel“ mit der Gesundheit der Athleten(innen) betreibt. Hätten die lieben Hahners schon bei guten äußeren Voraussetzungen keine Chance gegen die Weltspitze im Marathon gehabt, gilt dies für solche extremen Bedingungen erst recht. Sicherlich hätten sie mehr „Einsatz“ an den Tag legen können und das Letzte aus ihren Körpern herausholen können, verbunden mit der Gefahr in totaler Überanstrengung zu kollabieren und das Rennen zu beenden. Eine realistische Chance, sich adäquat zu präsentieren, bestand unter diesen Voraussetzungen so gut wie nicht. Da scheint es doch angebrachter einen „Spaziergang“ gut zu überstehen, als vielleicht auf den Spuren einer Gabriela Andersen-Schiess (Olympia 1984 in LA lässt grüßen) ins Ziel zu torkeln.

Wenn somit die beiden jungen Damen die Sache konservativ angehen und die Belastungen sichtbar gut überstehen, kann man das doch kaum als ernsthaften Punkt der Kritik gelten lassen. Wäre Herr Kurschilgen denn zufrieden gewesen, wenn Anna und/oder Lisa völlig erschöpft zum Beispiel um Platz 50 oder 60 eingelaufen wären und 5 oder 10 Minuten schneller agiert hätten? Sicherlich ist Olympia eine Stätte des (Hoch-)Leistungssports, von hehren Olympischen Ideen ist nicht mehr viel geblieben. Aber wenn einmal Athleten für sich in Anspruch nehmen, auf die seit Jahren kaum zu verantwortenden Ansetzungen von Ausdauerdisziplinen unter extremen Bedingungen in verantwortlicher Weise zu reagieren, dann zeugt das von mehr Olympischen Spirit und menschlicher Größe, als man es auch nur in Ansätzen in den Zirkeln der Verantwortlichen finden kann. Olympia sollte doch etwas mehr sein, als das herzlose Zählen von Medaillen und deren Tabellenvergleich im nationalen Wettstreit.

Und keine Angst, Herr Kurschilgen, sollten in Kürze die äußeren Bedingungen stimmen, dann werden Anna und Lisa auch wieder „schnell“ laufen.

Abschließend das Statement der Hahners zu Rio:

Platz 81 und 82. Definitiv nicht das, was wir uns erhofft haben. Ob wir zufrieden sind? Nein. Das Überqueren der Ziellinie? Dennoch eines unser größten sportlichen Momente. Seit vier Jahren haben wir auf diesem Moment hingelebt und hintrainiert. Dafür sind wir im Training an unser Limit und ab und zu auch darüber hinaus gegangen. Die Vorbereitung hatte Höhen und Tiefen. Wir hatten sehr gute Trainingseinheiten und gleichzeitig merken wir, dass das intensive Training der letzten Wochen, Monate und Jahre an unserem Körper gezehrt hat. Kleine Wehwehchen entwickeln sich über die Dauer zu Beschwerden und irgendwann gewöhnt man sich an die Schmerzen. Zeit zum Auskurieren will man sich nicht geben, schließlich steht das große Ziel Olympia an und damit verbunden die Qualifikationsmarathons und die Leistungsnachweise. Jetzt werden wir unserem Körper die Ruhe geben, die er schon seit längerem fordert. Ruhe und Regeneration. Das Training wird erst wieder hochgefahren, wenn unser Körper dazu bereit ist. Danke, an alle, die mitgefiebert haben. Wir wollen euch an unseren Lauferlebnissen teilhaben lassen. Alle, die kein Interesse daran haben, dürfen die Seite gerne disliken.