Die äthiopischen Teams für den Olympischen Marathon: Kenenisa Bekele ist nur „Reserve“

rio-2016-logoNicht ganz ohne Überraschungen erfolgte gestern die Benennung des äthiopischen Teams für den Marathon bei den Olympischen Spielen im August 2016 in Rio de Janeiro. Während man bei den Männern die Auswahl halbwegs nachvollziehen kann, ist die Selektion bei den Frauen schon schwieriger zu verstehen. Mit Tesfaye Abera, Lemi Berhanu und Feyisa Lelisa werden jene Athleten an den Start gehen, die in diesem Jahr die Marathonläufe in Dubai, Boston und Tokyo gewonnen hatten. Diese Entscheidung des äthiopischen Verbandes kann man irgendwie nachvollziehen. Dass dann aber bei den Frauen die Welt-Jahresschnellste und Dubai Siegerin, Tirfi Tsegaye, nur als „Reserve“ Berücksichtigung findet, ist kaum logisch.

Der Auftritt des äthopischen Marathon-Teams der Männer bei den letzten Olympischen Spielen 2012 in London geriet zum Desaster, keiner der drei Läufer dieser Nation erreichte damals das Ziel. Als ein Grund wurde die Auswahl unerfahrener Athleten angeführt. Somit ist es erstaunlich, dass man auch 2016 diesem Grundsatz treu blieb. Denn weder Abera noch Berhanu können auf eine längere Liste von Erfolgen bei hochkarätigen Veranstaltungen zurückschauen.

Abera lief beim Sieg in Dubai mit 2:04:24 die schnellste Zeit eines Äthiopiers in 2016 und gewann das (weniger bedeutende) Rennen in Hamburg (2:06:58). Das war es aber auch schon an Topresultaten in seiner jungen Karriere. Berhanu wurde in diesem Jahr in Dubai in 2:04:33 Zweiter und gewann Boston (2:12:45), letztes Jahr war er in Dubai (2:05:28) und in Warschau (2:07:57) vorne. Bei der WM 2015 in Beijing glänzte er als 15. in 2:17:37 nicht unbedingt mit den Qualitäten eines Meisterschafts-Läufers. Und Lelisa gewann Tokyo (2:06:56) und hatte 2015 diverse Platzierungen (4. Dubai 2:06:35, 5. Rotterdam 2:09:55 und 3. Berlin 2:06:57).

london-mar-2016-bekele-finishKenenisa Bekele (ETH) ist für den Olympischen Marathon in Rio nur als Reserve-Mann vorgesehen.  (c) H. Winter

Ob dies insbesondere im letzten Fall rechtfertigt, Topstars wie Kenenisa Bekele zu Hause zu laufen, ist schon sehr fraglich. Kenenisa zeigte in London wieder grandiose Form, obwohl seine Vorbereitungen nur sehr eingeschränkt möglich waren. Falls Bekele nun wieder Beschwerde frei ist und sich gezielt auf Rio hätte vorbereiten können, wäre er bei seinem Potential und seiner Erfahrung ein fast sicherer Medaillenkandidat. Und auch die weiteren „Reserve“-Läufer, Lelisa Desisa sowie Yemane Tsegay (der belegte immerhin Platz 2 bei der WM 2015), sind anerkannte Wettbewerbs-Läufer und immer wieder gut für vordere Plätze.

lodon-mar-2016-ethiopian-women-preraceDie äthiopischen Topläuferinnen vor dem London Marathon 2016. Dibaba und Mergia fahren nach Rio, Tufa bleibt zu Hause.  (c) . Winter

Bei den Frauen ist die Wahl von Mare Dibaba (nicht verwandt mit den legendären Dibaba-Schwestern) unstrittig. Dibaba ist die amtierende Marathon-Weltmeisterin und lief letztes Jahr in Xiamen 2:19:52. In London konnte sie auf Platz 6 allerdings weniger überzeugen. Aselefech Mergia lag in London einen Platz vor ihr, schaffte gleichfalls 2015 mit dem Sieg in Dubai in 2:20:02 eine Topplatzierung. Warum allerdings Aberu Kebede anderen Bewerberinnen vorgezogen wurde, erschließt sich so ziemlich jeder Logik. Denn während Kebede in diesem Jahr 4. in Tokyo in 2:23:01 und im letzten Jahr 5. in Dubai (2:21:17), 7. in Boston (2:26:52) und Zweite in Berlin (2:20:48) wurde, kann Tigist Tufa einen zweiten Platz in London (2:23:03) aufweisen, wo sie als einzige Läuferin bis zum Schluss der Siegerin Sumgong Paroli bieten konnte. Tufa gewann London im letzten Jahr, wurde bei der WM 2015 Sechste und 3. beim New York City Marathon 2015 (2:25:50).

Und auch der Reserve-Status von Tirfi Tsegaye ist nur schwer zu verstehen. Sie ist nach wie vor mit ihrem Sieg in Dubai in 2:19:41 die einzige sub-2:20-Läuferin der aktuellen Saison und war ferner im April in Boston Zweite in 2:30:03. Bei der letzten WM in Beijing 2015 wurde sie Achte in 2:30:54, ist also für Meisterschaftsrennen durchaus ausgewiesen.

 Das äthiopische Olympia-Team der Männer  (letzte Resultate)
Tesfaye Abera Dubai 2:04:24, Hamburg 2:06:58
Lemi Berhanu 2.Dubai 2:04:33, Boston 2:12:45
Dubai 2015 2:05:28, Warschau 2015 2:07:57
Feyisa Lelisa Tokyo 2:06:56, 4.Dubai 2:06:35,
5.Rotterdam 2:09:55, 3. Berlin 2015 2:06:57
Lelisa Desisa (R) 2.Boston 2:13:32, 2.Dubai 2015 2:05:5,
1.Boston 2015 2:09:17, 7.WM 2015 2:14:54
Kenenisa Bekele (R) 3.London 2:06:36, Paris 2014 2:05:04,
4.Chicago 2014 2:05:51
Yemane Tsegay (R) 3.Boston 2:14:02, 2.Boston 2:09:48,
2. WM 2015 2:13:08
Das äthiopische Olympia-Team der Frauen  (letzte Resultate)
Mare Dibaba 6.London 2:24:09, Xiamen 2015 2:19:52
2. Boston 2:24:59, WM 2015 2:27:35
Aselefech Mergia 5.London 2:23:57, Dubai 2:20:02
4. London 2015 2:23:53, 2. NYC 2015 2:25:32
Aberu Kebede 4.Tokyo 2:23:01, 5.Dubai 2015 2:21:17
7.Boston 2015 2:26:52, 2.Berlin 2:20:48
Tigist Tufa (R) 2.London 2:23:03, 1.London 2015 2:23:22
6.WM 2015 2:29:12, 3.NYC 2015 2:25:50
Tirfi Tsegaye (R) Dubai 2:19:41, 2.Boston 2:23:03
3.London 2015 2:23:41, 8.WM 2015 2:30:54