40. Vodafone Istanbul Marathon am 11. November 2018: Ruth Chepngetich läuft sensationellen Streckenrekord

istanbul-mar-2018-logoRuth Chepngetich (KEN)  sorgte bei der 40. Jubiläumsausgabe des Vodafone Istanbul Marathon mit einem neuen Streckenrekord in der Fabelzeit von 2:18:35 für eine Sensation. Mit dieser Zeit verbesserte sie ihren Streckenrekord aus dem Vorjahr um fast exakt 4 Minuten und katapultierte die Veranstaltung am Bosporus und am Ufer des Marmara-Meeres in die Weltliga des Marathonlaufs der Frauen. In der Geschichte des Marathon war dies die zehntschellste Zeit, und Chepngetich ist nun die siebtschnellste Marathonläuferin aller Zeiten. Nur die Großveranstaltungen in London, Chicago und Berlin können schnellere Streckenrekorde und Zeiten aufweisen. Mit dieser Zeit kann nun der Istanbul Marathon die Anforderungen an ein IAAF Golden Label Event in allen Belangen erfüllen. Auch bei den Männern gab es durch Felix Kimutai (KEN) in 2:09:57 einen neuen Streckenrekord, womit er die alte Bestmarke von 2:10:42 deutlich steigerte und die erste Zeit unter 2:10 Stunden auf türkischem Boden lief.

istanbul-mar-2018-winner-chepngetichRuth Chepngetich wiederholte ihren Sieg aus dem Vorjahr und lief dabei sensationelle 2:18:35. (c) H. Winter

Das Rennen der Frauen war schon insofern außergewöhnlich, als sich der designierte Tempomacher für Chepngetich, David Chemweno (KEN), am Abend zuvor die Zwischenzeiten für Endzeiten von 2:19 und sogar 2:18 Stunden geben ließ. Angesichts des Streckenprofils und der Leistungsstärke der Athletinnen am Start eigentlich ein aberwitziges Unterfangen. Aber schon die ersten Splits zeigten, dass man das Vorhaben in die Tat umsetzen wollte. Dabei waren die Temperatur mit 14°C beim Start und schwacher Wind durchaus akzeptabel, aber ein Taupunkt von 12°C bedeutete eine hohe Luftfeuchte (um 90%). Somit waren die äußeren Bedingungen keinesfalls optimal. Nach dem Start auf der Bosporus-Brücke mit einem anschließenden recht abschüssigen Streckenteil passierte die Frauenspitze die 5 km nach sehr flotten 16:13, kurz hinter Chepngetich waren noch Margaret Agai (KEN) und Fatuma Sado (ETH) im Kontakt zur Führenden.

Chepngetich erhöhte nun das Tempo, legte den 5 km-Abschnitt nach 10 km in grandiosen 15:46 zurück und lag mit einem Split von 31:59 auf Kurs zu einer Zeit von 2:15 Stunden, also unter dem Fabel-Weltrekord von Paula Radcliffe. Agai und Sado mit Bestzeiten von 2:23:28 bzw. 2:24:16 konnten hier nicht mehr mithalten und lagen eine halbe bzw. eine volle Minute zurück. Chepngetich, die Vorjahressiegerin in Istanbul mit der beachtlichen Zeit von 2:22:36, hielt mit ihrem „Hasen“ die Fahrt hoch, mit weiteren 5 km-Abschnitten von 16:16 und 16:29 erreichte sie den Halbmarathon nach 1:08:22. Die Verdopplung dieser Zeit ließ die Experten vor Ort nur ungläubig staunen. Konnte diese Hatz der 24-jährigen Kenianerin gut gehen?

istanbul-mar-2018-chepngetich-hmRuth Chepngetich mit ihrem Pacemaker David Chemweno (rechts) kurz nach der Halbmarathon-Marke. (c) Livestream/Screenshot

Ihre Kontrahentinnen lagen mittlerweile weit zurück, wenngleich Agai mit 1:09:45 für die ersten Hälfte ebenfalls auf Kurs zu einer grandiosen Zeit im Ziel war. An der Spitze musste nun Chepngetich ihrem „Höllentempo“ etwas Tribut zollen, ihr Leistungsabfall war aber nur gering. Über 1:21:24 bei 25 km und 1:37:42 bei 30 km erreichte sie 35 km in 1:54:27, wo ihr (männlicher) Tempomacher wegen eines Krampfs in der Wade seine Dienste quittieren musste. Sie lag hier noch auf Kurs von exakt 2:18 Stunden, die bisher nur drei Läuferinnen überhaupt unterbieten konnten. Es schien sich in der Tat eine Sensation bei einer in der internationalen Szene nur wenig beachteten Veranstaltung anzubahnen.

Nach gut 40 km (aktuell noch kein offizieller Split verfügbar) wartete nun noch der Anstieg zum Ziel auf dem Sultanahmed auf Chepngetich, die kaum Zeichen einer übermäßigen Erschöpfung erkennen ließ. Sie stürmte diesen Anstieg, der das Gefälle zu Beginn des Kurses nach der Bosperus-Brücke regelkonform kompensiert, hinauf und erreichte das Ziel nach 2:18:35. Damit ist sie die siebtschnellste Marathonläuferin aller Zeiten und erzielte auf dem als schwierig erachteten Kurs in Istanbul die zehntschellste Zeit in der Geschichte. Nur die Läufe in London, Chicago, Rotterdam und Berlin können Zeiten von unter 2:19 Stunden aufweisen. Damit liefen im Jahr 2018 bereits sechs Läuferinnen eine 2:18er-Zeit, das gab es in noch keinem Jahr, wobei die vermeintlich aktuell stärkste Läuferin Mary Keitany nicht darunter ist. Und auch das Zehnermittel der besten Frauen-Zeiten eines Jahres liegt nun mit 2:18:58 erstmals unter 2:19 Stunden.

istanbul-mar-2018-winner-chepngetichRuth Chepngetich gewann den Marathon der Frauen in sensationellen 2:18:35. (c) SPOR Istanbul

Über welche Reserven die hoch talentierte Siegerin – im Frühjahr beendete sie den Paris Marathon als Zweite – am Ende noch verfügte, belegt ihr Split bei 41 km von 2:14:38, so dass sie von dort noch 3:57 Minuten bis ins Ziel benötigte. Damit war sie in diesem Segment die/der Schnellste aller Teilnehmer/innen, selbst der Sieger brauchte hier mit 4:01 Minuten länger! Und auch finanziell hat sich der Ausflug an den Bosporus für die Siegerin gelohnt; neben dem Preisgeld von 50.000 US$ gab es noch Zeit- und Rekordboni von insgesamt 40.000 US$, die bei der Siegerehrung vom Veranstalter in türkischen Lira deklariert werden mussten. Hinter der Siegerin waren die Zeiten dann „normal“. Agai und Sado konnten das hohe Tempo zu Beginn nicht durchhalten und belegten weit abgeschlagen in 2:25:04 and 2:31:05 die Plätz 2 und 3. Hinter Zerfie Limeneh (ETH) in 2:31:10 feierte Elvan Abeylegesse (TUR) in 2:32:23 nach langer Verletzung ein gelungenes Comeback.

Ohne Zweifel brachte der Jubiläumslauf der Frauen die Veranstaltung in eine eue Liga, wobei der neue Rekord nicht einfach zu steigern sein dürfte. Chepngetich wird nach dieser Ausnahmeleistung wohl kaum an den Ort ihres internationalen Durchbruchs zurückkehren, dafür ist die globale Marathonszene mit den großen der Zunft eine zu übermächtige Konkurrenz. Und nach der Siegerehrung deutete Chepngetich an, dass sie ein Angebot aus London für das kommende Frühjahr kaum ausschlagen würde. Vermutlich dürften 2:18 Stunden nach den Eindrücken am heutigen Sonntag kaum das Limit dieses Ausnahmetalents sein. Mit gut 24 Jahren hat sie eine hoffentlich große Zukunft noch vor sich.

istanbul-mar-2018-men-25kmDie Spitzengruppe der Männer kurz vor der 25 km-Marke. (c) H. Winter

Angesichts des Glanzlichts bei den Frauen trat das Männerrennen etwas in den Hintergrund, obwohl auch hier das im Vorfeld primäre Ziel einer Zeit von unter 2:10 Stunden auf türkischem Boden erstmals erreicht wurde. Im Gegensatz zum Rennen des Vorjahres war der Ablauf wesentlich gleichmäßiger und führte am Ende zum Erfolg. Über 15:01 bei 5 km, 30:15 bei 10 km, 45:38 bei 15 km und 1:00:50 bei 20 km erreichte ein Gruppe von 15 Läufern den Halbmarathon nach 1:04:06. Man lag also auf Kurs zu einer Zeit weit unter dem Kursrekord von 2:10:42 und einer Zeit von unter 2:10 Stunden. Als der letzte Tempomacher bei 30 km nach 1:31:38 ausstieg waren vorne noch 8 Athleten an der Spitze, von denen sich der Vorjahressieger Abrahm Kiprotich (FRA), ein für Frankreich startender gebürtiger Kenianer, kurz vor 32 km von seinen Kontrahenten absetzen konnte.

istanbul-mar-2018-winners-menDie Erstplatzierten im Marathon der Männer: Abdo sowie Felix Kimutai und Abraham Kiprotich (v.l.) (c) H. Winter

Dieser Ausreißversuch war aber bereits nach 34 km beendet, als zunächst Abdi Abdo (BRN) und dann auch der spätere Sieger Felix Kimutai aufschließen konnten. Nach 36 km fiel zunächst der Vorjahressieger zurück, nach 38,5 km konnte auch Abdo nicht mehr folgen. Felix Kimutai lief nun einem ungefährdeten Sieg entgegen, wobei er nach 40 km auf dem Anstieg zum Ziel noch wertvolle Zeit einbüßte. Mit letzten Kräften gelang es ihm aber die Ziellinie in 2:09:57 zu überlaufen, der ersten Zeit auf türkischem Boden von unter 2:10 Stunden. Kimutai steigerte damit auch seine persönliche Bestleistung, die er im letzten Jahr in Warschau mit 2:10:34 aufgestellt hatte. Nach seinem Sieg in Warschau im April in 2:11:41 schaffte er in Istanbul seinen zweiten Erfolg in diesem Jahr.

Abdi Abdo wurde Zweiter in 2:10:37 und blieb auch noch unter dem alten Streckenrekord, und Abraham Kiprotich war zwar schneller als bei seinem Sieg im letzten Jahr, doch 2:10:55 reichten diesmal nur für Platz 3. Joel Kimurer (KEN) wurde in 2:11:08 Vierter vor Jacob Kendagor (KEN) in 2:11:46. Mit Schuhproblemen hatte einer der Favoriten im Vorfeld Getu Feleke (ETH) zu kämpfen, so dass er nur Neunter in 2:13:43 wurde. Insgesamt waren in Istanbul gut 30.000 Läufer für den Marathon und einen 10 km- sowie 15 km-Lauf gemeldet. Zu einem Volkslauf, bei dem es vor allem darum geht, die gigantische Brücke über die Bosporus zu queren, erwarteten die Veranstaler wieder ca. 100.000 Teilnehmer.

istanbul-mar-2016-start„Volle Brücke“ am Bosporus. 100.000 sind dabei, und keine Behörde regt sich auf oder verbietet den Spaß. (c) Spor Instanbul

 Ergebnisse Marathon der Männer (Ziel,HM):
1. FELIX KIMUTAI KEN 2:09:57 CR 1:04:07
2. ABDI IBRAHIM ABDO BRN 2:10:37 1:04:07
3. ABRAHAM KIPROTICH FRA 2:10:55 1:04:06
4. JOEL KEMBOI KIMURER KEN 2:11:08 1:04:07
5. JACOB KENDAGOR KEN 2:11:46 1:04:06
6. ONESPHORE NZIKWINKUNDA BDI 2:12:11 1:04:07
7. HILLARY KIPCHUMBA KEN 2:12:38 1:04:06
8. BENARD CHERUIYOT SANG KEN 2:13:12 1:04:07
9. GETU FELEKE ETH 2:13:43 1:04:10
10. MERT GIRMALEGESSE TUR 2:16:15 1:05:23
Die Splits des Siegers:
  5 km 15:02
10 km 30:18 15:16
15 km 45:39 15.21
20 km 1:00:51 15:12
 HM 1:04:07
25 km 1:16:02 15:11
30 km 1:31:38 15:36
35 km 1:46:56 15:18
40 km 2:02:35 15:39
41 km 2:05:56 (3:21)
 Ziel 2:09:57 CR  (7:22)
Ergebnisse Marathon der Frauen (Ziel, HM):
1. RUTH CHEPNGETICH KEN 2:18:35 CR 1:08:22
2. MARGARET AGAI KEN 2:25:04 1:09:45
3. FATUMA SADO ETH 2:31:05 1:11:18
4. ZERFIE LIMENEH ETH 2:31:10 1:11:18
5. ELVAN ABEYLEGESSE TUR 2:32:23 1:15:05
6. BORNES KITUR KEN 2:33:48 1:11:18
7. MULIYE HAYLEMARIYAM ETH 2:34:36 1:11:19
8. ÜMMÜ KİRAZ TUR 2:40:40 1:18:35
9. FADİME ÇELİK TUR 2:42:05 1:18:34
10. BÜŞRA NUR KOKU TUR 2:47:05 1:18:35
Die Splits der Siegerin:
  5 km 16:13
10 km 31:59 15:46
15 km 48:15 16.16
20 km 1:04:44 16:29
 HM 1:08:22
25 km 1:21:24 16:40
30 km 1:37:42 16:18
35 km 1:54:27 16:45
40 km tba
41 km 2:14:38
 Ziel 2:18:35 CR
   Welt-Jahresbestenliste 2018 – Marathon der Frauen:
1. 2:18:11 Gladys CHERONO  KEN Berlin 16.9.2018
2. 2:18:31 Vivian CHERUIYOT  KEN London 22.4.2018
3. 2:18:34 Ruti AGA  ETH Berlin 16.9.2018
4. 2:18:35 Brigid  KOSGEI  KEN Chicago 7.11.2018
4. 2:18:35 Ruth CHEPNG’ETICH  KEN Istanbul 11.11.2018
6. 2:18:55 Tirunesh DIBABA  ETH Berlin 16.9.2018
7. 2:19:17 Roza Dereje BEKELE ETH Dubai 26.1.2018
8. 2:19:30 Boru Feyse TADESE  ETH Dubai 26.1. 2018
9. 2:19:36 Yebrgual MELESE  ETH Dubai 26.1.2018
10. 2:19:51 Birhane DIBABA ETH Tokyo 25.2.2018
   All-time-list sub 2:19 h  –  Marathon der Frauen:
1. 2:15:25 Paula Radcliffe GBR London 13.4.2003
2. 2:17:01 Mary Keitany KEN London 23.4.2017
2:17:18 Paula Radcliffe GBR Chicago 13.10.2002
2:17:42 Paula Radcliffe GBR London 17.4.2005
3. 2:17:56 Tirunesh Dibaba ETH London 23.4.2017
4. 2:18:11 Gladys Cherono KEN Berlin 16.9.2018
2:18:31 Tirunesh Dibaba ETH Chicago 8.10.2017
5. 2:18:31 Vivian Cheruiyot KEN London 22.4.2018
6. 2:18:34 Ruti Aga ETH Berlin 16.9.2018
7. 2:18:35 Brigid Kosgei KEN Chicago 7.10.2018
7. 2:18:35 Ruth Jepngetich KEN Istanbul 11.11.2018
2:18:37 Mary Keitany KEN London 22.4.2012
9. 2:18:47 Catherine Ndereba KEN Chicago 7.10.2001
2:18:55 Tirunesh Dibaba ETH Berlin 16.9.2018
2:18:56 Paula Radcliffe GBR London 14.4.2002
10. 2:18:58 Tiki Gelana ETH Rotterdam 15.4.2012