48. TCS New York City Marathon am 4. November 2018: Mary Keitany und Lelisa Desisa gewinnen hochklassige Rennen

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Mary Keitany (KEN) und Lelisa Desisa (ETH) gewannen die hochklassigen Rennen beim 48. New York City Marathon am heutigen Sonntag (4. November 2018). Nach sehr verhaltenen ersten Hälften wurden die Läufe im zweiten Part deutlich schneller und sahen Mary Keitany in 2:22:48 sowie Lelisa Desisa in 2:05:59 als überlegene Siegerin bzw. knappen Sieger. Bei nahezu idealen äußeren Bedingungen mit Temperaturen um 10°C, einem nahezu idealen Taupunkt von – 1°C sowie vernachlässigbarem Wind erlebte der ruhmreiche Event mit den weltweit höchsten Teilnehmerzahlen sicherlich zwei der bemerkenswertesten Rennen in der langen Geschichte des Marathon. Dass am Ende hochklassige Zeiten der Sieger heraussprangen, waren Temposteigerungen geschuldet, die es bei den Frauen in dieser Form bisher noch nicht gegeben hatte. Und dies alles ereignete sich auf einem Kurs, der als allgemein „langsam“ und schwierig zu laufen gilt (galt).

Das Rennen der Frauen begann wie in den Vorjahren mehr als verhalten. Nach 5 km in 18:45 lag das früher gestartete Elitefeld eng zusammen, über 37:05 bei 10 km wurde es bis 15 km in 55:08 etwas schneller. Aber selbst ein erster flotter 5 km-Abschnitt von 17 Minuten und 20 km in 1:12:08 brachte die Spitzengruppe nur auf Kurs zu einer Zeit von 2:32:11. Noch neun Läuferinnen war hier vorne zu finden, die den Halbmarathon nach 1:15:49 passierten. Zur Vollständigkeit sei angemerkt, dass eine der großen Favoritinnen und die dreifache New York Siegerin Mary Keitany mit 1:15:50 an dieser Zeitnahme registriert wurde.

new-york-mar-2018-1h-womenNach einer Stunde lagen neun Frauen in der Spitzengruppe vorne. (c) Eurosport/Screenshot

Als nun das Tempo anzog, war es die Boston-Siegerin vom Frühjahr Desiree Linden (USA), die etwas überraschend sofort den Anschluss verlor, und bald darauf konnten sich an der Spitze Keitany und die beiden Äthiopierinnen Netsanet Gudeta, die amtierende Weltmeisterin im Halbmarathon, sowie Rahma Tusa leicht von vier weiteren Konkurrentinnen absetzen. In dieser Verfolgergruppe lagen die London-Marathon Siegerin dieses Jahres Vivian Cheruiyot (KEN) und die Vorjahressiegerin von New York City Shalane Flanagan (USA). Bei 25 km in 1:28:23 hatte das Führungstrio die letzten 5 km in 16:15 zurückgelegt, erste Verfolgerin war Cheruiyot mit einem Rückstand von 23 Sekunden.

Die Meilenabschnitte an der Spitze rutschten nun mit 4:55 auf unter 5 Minuten, das ist schon fast das Regime von Splits bei den Männern (entspricht km-Splits von etwa 3:03 Minuten). Nach gut 1 1/2 Stunden fiel Gudeta als erste aus der Kopfgruppe heraus und nach 1:40 Stunden lag Keitany allein an der Spitze, mit Meilensplits von 4:58, 4:54, 4:56 stürmte sie dem gesamten Feld davon. Bereits bei 30 km konnte man nur mit Staunen die Zwischenzeit von 1:43:42 notieren, die letzten 5 km war die zierliche Kenianerin in aberwitzigen 15:19 gelaufen. Dies war fast 3 1/2 Minuten schneller als die ersten 5 km des Rennens.

Auch die nächsten 5 km lief Keitany mit 15:36 immer noch sehr schnell, so dass sie bei 35 km in 1:59:16 bereits einen Vorsprung von 1:50 auf Tusa hatte. Kurz dahinter lag Vivian Cheruiyot und Shalane Flanagan war eine weitere halbe Minute zurück. Die 10 km-Distanz von 25 km nach 35 km war Keitany in 30:53 gerannt, in der Welt-Jahresbestenliste ist das Platz 5 und sogar 6 Sekunden besser als ihre eigene Jahresbestzeit von 30:59, die sie im Januar ebenfalls in New York City erzielte. Übrigens hätte Mary mit diesem Tempo auch auf den ersten 10 km bei den Männern mithalten können, die (s.u.) diesen Part am Sonntag in 30:48 nur unwesentlich schneller zurücklegten. In der zweiten Hälfte waren ferner nur 6 Männer schneller als Keitany.

Um bereits hier die Leistung von Mary angemessen zu würdigen, bleibt anzumerken, dass ihren aktuellen 5 km-Abschnitten ein Marathon in etwa 2:11 Stunden entsprechen würde. Der (Fabel-)Weltrekord von Paula Radcliffe steht bereits seit 15 Jahren bei 2:15:25. Die sensationelle Tempohatz auf der schwierigen New Yorker Strecke hatte der Kenianerin Kraft gekostet, und das Tempo mit Meilensplits von 5:10, 5:13, 5:20 und 5:19 reduzierte sich etwas. Immerhin wurden auch die 5 km nach 40 km in 2:15:29 in 16:13 Minuten absolviert. Damit war zwar der Kursrekord von Margaret Okayo von 2:22:31 immer noch in Reichweite, aber die „Bummelei“ auf den ersten 5 km rächte sich nun. Keitany lief bei ihrem vierten Sieg im Big Apple mit 2:22:48 zwar ihre mit Abstand schnellste Zeit, konnte am Ende den Kursrekord aber nicht mehr gefährden. new-york-mar-2018-winner-keitanyMary Keitany gewann den 48. New York City Marathon mit einer grandiosen zweiten Hälfte. (c) Eurosport/Screenshot

Trotzdem kann man über die Leistung von Keitany, die in ihren beiden letzten Marathoneinsätzen weniger erfolgreich war – in New York City war sie letztes Jahr wegen gesundheitlicher Probleme nur Dritte geworden, in London hatte sie sich bei der Tempojagd in der Hitze übernommen und wurde abgeschlagen Fünfte – , nur staunen. Mit einer zweiten Hälfte in 1:06:58 lief sie einen „negativen Split“, wie es ihn in der Geschichte sicher noch nie gegeben hat (erste Hälfte: 1:15:50, die zweite Hälfte fast 9 (!) Minuten schneller). Und ihre Leistung wird auch im Vergleich zum Weltrekord-Lauf von Paula Radcliffe deutlich, die für die zweite Hälfte 1:07:23 benötigte (allerdings den ersten Teil wesentlich schneller lief).

Berücksichtigt man bei einer Wertung der Dinge noch die Tatsache, dass der Kurs in New York durch das erhebliche Höhenprofil (und die schlechten Straßen) als nicht einfach zu laufen gilt, ist der Auftritt von Keitany noch höher einzuschätzen. In dieser Form – und den entsprechenden äußeren Bedingungen – sollte Keitany durchaus in der Lage sein, die fast unangreifbare Rekordmarke von Radcliffe gefährden zu können. Vielleicht kann sich Mary dazu durchringen, im kommenden Jahr in Berlin, Dubai oder auf einer anderen „schnellen“ Strecke an den Start zu gehen. Angesichts der Ausnahmeleistung von Keitany geriet die Konkurrenz hinter ihr fast zu Statisten. Vivian Cheruiyot wurde in guten 2:26:02 Zweite und die Vorjahressiegerin Flanagan arbeitete sich in 2:26:22 noch bis auf das Podium vor. Ihre Landsfrau Molly Huddle landete bereits kurz hinter ihr auf dem vierten Platz.

new-york-mar-2018-37min-menDie Spitzengruppe der Männern nach gut 12 km. (c) Eurosport/Screenshot

Auch das Rennen der Männer begann traditionsgemäß recht verhalten. Über 15:37 bei 5 km war es Shura Kitata (ETH), der sich immer wieder vorne zeigte und 10 km nach 30:48 vor einer großen Gruppe passierte. Schneller wurde es dann zur 15 km-Marke, die nach 45:47 erreicht wurde, der 5 km-Abschnitt mit 14:59 knapp unter 15 Minuten. Nach 50 Minuten setzte sich Kitata, der im letzten Jahr den Frankfurt Marathon gewann und hinter Kipchoge im April in London Zweiter wurde, wieder ab und hatte bei 20 km in 1:00:39 einen Vorsprung von 5 Sekunden auf Lelisa Desisa und 9 Sekunden auf ein Quintett.

Bei der Hälfte nach 1:03:55 – man lag somit auf Kurs zu einer Zeit von 2:08 Stunden – hatten die Verfolger Kitata wieder eingeholt (oder Kitata sich einholen lassen). Vorne lagen nun neben Kitata der zweifache Boston-Sieger und schwache „Breaking2“-Athlete Lelisa Desisa, der Dubai Sieger von 2017 Tamirat Tola (ETH), Vorjahressieger Geoffrey Kamworor (KEN), der London Sieger von 2017 Daniel Wanjiru (KEN) sowie Festus Talam (KEN). Bei 25 km in 1:15:44 war Tola bereits lange aus der Kopfgruppe herausgefallen und lag hier schon eine volle Minute zurück. 30 km erreichte die Spitze nach 1:30:20 und lag mit einer Projektion von 2:07:03 auf einer für New Yorker Verhältnisse flotten Zeit, die in den letzten Jahren nicht mehr erreicht wurde.

20 Meilen erreichte man nach 1:36:57, wo Wanjiru (Daniel!) zurückfiel und nur noch vier Akteure das Geschehen an der Spitze bestimmten. Die 20 Meilen ist eine besondere Marke, da es von dort – schon weit fortgeschritten im Rennen – recht genau 10 km bis ins Ziel sind. Im Vorgriff der Ereignisse betrug die Zeit des Siegers später 2:05:59, der legte also die letzten 10 km auf dem schwierig zu laufenden Kurs im und am Central Park in phänomenalen 29:02 zurück! Nach  35 km in 1:45:19 konnte auch Tola dem Tempo nicht mehr folgen und fiel zurück. Mit einer schnellen 23. Meile in 4:29 nahm nun Kamworor das Heft des Handelns in die Hand und setzte sich zusammen mit Desisa von Kitata ab, der nach 24 Meilen bereits 11 Sekunden zurückgefallen war.

new-york-mar-2018-finale-menNach 40 km hatte sich Desisa ab der Spitze absetzen können. Dahinter folgen Kitata und Kamworor. (c) Eurosport/Screenshot

Bei 40 km in 1:59:40 war schon sicher, dass es diesmal in New York einer 2:06er-Siegerzeit geben würde und vermutlich Kamworor seinen Titel würde verteidigen können. Doch zur Überraschung aller war es kurz darauf Desisa, der in den letzten Jahren nicht mehr überzeugen konnte und beim „Breaking2“-Projekt in Monza eine regelrechte Enttäuschung war, nun aber Kamworor mit einem gewaltigen Zwischenspurt hinter sich ließ. Schnell wurde klar, dass Kamworor am Ende seiner Kräfte war, und so wurde er auch von Kitata überholt, der nach seinem aggressiven Lauf über die volle Distanz noch einen „letzten Wind“ zu bekommen schien. Kitata kam immer näher an Desisa heran, konnte aber seinen Landsmann nicht mehr gefährden, der in einem schnellen Schlusspart von 6:19 ab 40 km das Rennen in großartigen 2:05:59 gewann.

Nach 1:03:55 für den ersten Part brauchte der Sieger für die zweite Hälfte 1:02:04. Das ist zwar nicht ganz die Kategorie von Leistung, wie sie Keitany bei den Frauen erzielte, aber nach dem famosen Streckenrekord von Geoffrey Mutai in 2:05:06 war dies die zweitbeste jemals in New York City gelaufene Zeit. Kitata kam 2 Sekunden später in 2:06:01 ins Ziel und für Vorjahressieger Kamworor, im Vorfeld als der haushoch überlegene Favorit gehandelt, musste sich diesmal mit Platz3 in 2:06:26 begnügen. Danach wurden die Abständen zu den Nächstplätzierten schon erheblich. Tola wurde in 2:08:30 Vierter und der Fünftplatzierte Daniel Wanjiru lag mit 2:10:21 schon jenseits typischer Siegerzeiten vor Ort von 2:10 Stunden. Wenig erfolgreich war das groß angekündigte Marathon-Debüt der 43-jährigen US-Lauflegende Bernard Lagat, der nach einer ersten Hälfte von 1:07 Stunden (war hier schon langsamer als Keitany auf der zweiten Hälfte) weiter einbrach und das Ziel erst nach 2:17:20 auf Platz 18 erreichte.

Insgesamt wurden 52704 Finisher am Sonntag im Ziel im Central Park registriert, womit die Rekordmarke aus dem Jahr 2016 mit 51275 Zieleinläufer im Marathon weiter gesteigert werden konnte. Darunter waren 22112 Läuferinnen, was einem Frauenanteil von 42 % entspricht. Mit diesem Zahlen liegt der TCS New York City Marathon weit vor der globalen Konkurrenz.

Ergebnisse Marathon der Frauen:
1. Mary Keitany KEN 2:22:48
2. Vivian Cheruiyot KEN 2:26:02
3. Shalane Flanagan USA 2:26:22
4. Molly Huddle USA 2:26:44
5. Rahma Tusa ETH 2:27:13
6. Desiree Linden USA 2:27:51
7. Allie Kieffer USA 2:28:12
8. Lisa Weightman AUS 2:29:11
9. Mamitu Daska ETH 2:30:31
10. Belaynesh Fikadu ETH 2:30:47
11. Stephanie Bruce USA 2:30:59
12. Roberta Groner USA 2:31:01
13. Gerda Steyn RSA 2:31:04
14. Carrie Dimoff USA 2:31:12
15. Samantha Bluske USA 2:32:04
16. Sydney Devore USA 2:32:43
17. Brittany Charboneau USA 2:36:35
18. Sarah Sellers USA 2:36:37
19. Beverly Ramos PUR 2:40:58
20. Adriana Ap. Da Silva BRA 2:41:00
Die Splits der Siegerin:
5 km 18:45
10 km 37:07 18:22
15 km 55:10 18:03
20 km 1:12:09 16:59
Halbm. 1:15:50
25 km 1:28:23 16:14
30 km 1:43:42 15:19
35 km 1:59:16 15:34
40 km 2:15:29 16:13
Ziel 2:22:48 7:19
Ergebnisse Marathon der Männer:
1. Lelisa Desisa ETH 2:05:59
2. Shura Kitata ETH 2:06:01
3. Geoffrey Kamworor KEN 2:06:26
4. Tamirat Tola ETH 2:08:30
5. Daniel Wanjiru KEN 2:10:21
6. Jared Ward USA 2:12:24
7. Scott Fauble USA 2:12:28
8. Festus Talam KEN 2:12:40
9. Shadrack Biwott USA 2:12:52
10. Chris Derrick USA 2:13:08
11. Juan Luis Barrios MEX 2:13:55
12. Tadesse Yae Dabi ETH 2:13:57
13. Tim Ritchie USA 2:15:22
14. Ryan Vail USA 2:15:31
15. Jonny Mellor GBR 2:16:09
16. Harbert Okuti UGA 2:16:51
17. Scott Smith USA 2:17:12
18. Bernard Lagat USA 2:17:20
19. Girma Bekele Gebre ETH 2:18:18
20. Birhanu Dare Kemal ETH 2:18:20
Die Splits des Siegers:
 5 km 15:43
10 km 30:51 15:08
15 km 45:48 14:57
20 km 1:00:44 14:56
Halbm. 1:03:57
25 km 1:15:45 15:01
30 km 1:30:20 14:35
35 km 1:45:19 14:59
40 km 1:59:40 14:21
 Ziel 2:05:59  6:19