45. BMW Berlin Marathon am 16. September 2018: Eliud Kipchoge – Auf der „Blauen Linie“ im Sololauf zur Fabelzeit

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Mit einer einmaligen Vorstellung des kenianischen Superstars der Straßenlaufszene Eliud Kipchoge ging am Sonntag die 45. Auflage des BMW Berlin Marathon über die Bühne. In einem Rennen, das er schon ab 25 km völlig auf sich allein gestellt bestreiten musste, pulverisierte der Kenainer in kaum für möglich gehaltenen 2:01:39 den Marathon-Weltrekord seines Landsmanns Dennis Kimetto (2:02:57) in eine neue Dimension. Dabei konnte er im zweiten Teil, immer auf der Blauen Linie laufend, noch zulegen und somit als erster Mensch (in einem Regel konformen Rennen) die Schwelle von 2:02 Stunden unterbieten. Mit der Verbesserung des Weltrekords von Kimetto, an dem auch er sich mehrmals ohne Erfolg versucht hatte, um die Ewigkeit von 1:18 Minuten hat der Ausnahmeläufer eine Leistung auf das Berliner Pflaster gezaubert, die aktuell wohl von keinem anderen Athleten zu unterbieten wäre, wenn dann überhaupt nur durch Kipchoge selbst.

b-mar-2018-eliud-pacers1Schon kurz nach dem Start setzten sich Kipchoge und seine Pacemaker Boit, Kitwara und Kipkemoi vom Rest des Feldes ab. Sekunden nach dieser Aufnahme stieg Kitwara überraschend aus. (c) S. Hartnett

Das Rennen der Männer begann wie geplant. Kipchoge setzte sich mit seinen drei Tempomachern Josphat Boit, Sammy Kitwara und Benard Kipkemoi – alle selbst Weltklasseathleten – schnell vom Rest des über 40.000-köpfigen Feldes ab. Nur Wilson Kipsang (KEN) lief am Anfang mit seinen drei Pacern auf der anderen Straßenseite, fiel aber schon vor der 1 km-Marke – wie geplant – nach schnellen 2:44 zurück. Der zu schnelle Start wurde auf dem kommenden Kilometer in 2:58 kompensiert; am Ende sollte dies der langsamste Kilometer Kipchoges des gesamten Rennens bleiben. 5 km erreichte die Gruppe Kipchoge nach 14:25, das entspricht einer Zeit im Ziel von 2:01:37 – am Ende sollte er fast genau diese Zeit auch laufen. 10 Sekunden dahinter folgte die Gruppe Kipsang mit Abera Kuma (ETH) und Amos Kipruto (KEN).

Etwas überraschend lag der Halbmarathon-Weltrekordler Zersenay Tadese (ERI) mit 15:19 fast schon eine volle Minute zurück. 10 km wurde von der Spitze nach 29:01 erreicht, wobei sich der Abstand der Gruppe um Kipsang mit 29:13 kaum änderte. Die Splits danach lagen um 2:55 bis 2:56 pro km, so dass bei 15 km in 43:38 die Projektion auf 2:02:27 angestiegen war, mit 14:37 für die letzten 5 km der langsamste 5 km-Abschnitt des gesamten Rennens. An der Spitze hatte Eliud nur noch 2 Tempomacher, denn mehr als ungeplant hatte der „Edel-Hase“ Sammy Kitwara (KEN), der im letzten Jahr bis 32 km die Hauptarbeit machte, kurz vor dem Moritzplatz bei 14,2 km seine Dienste quittiert. Vor dem Herflug hatte er in Nairobi noch getönt, bis 35 km oder ggfs. sogar bis ins Ziel laufen zu wollen. Für kurze Zeit waren die Perspektiven in Sachen Weltrekord weniger günstig.

b-mar-2018-eliud-boitEliud Kipchoge mit dem letzten Tempomacher Boit, der bis 25 km vorne dabei war. (c) S. Hartnett

Das Tempo vorne nahm nun wieder deutlich zu, so dass über 57:56 bei 20 km die Halbdistanz nach 1:01:05 erreicht wurde, das war in etwa auch die Vorgabe. Nach 45 Minuten war nur noch Boit als Tempomacher bei Kipchoge und auch der sollte bei 25 km nach 1:12:25 passen. Kipsang fiel mittlerweile immer weiter zurück, lag aber mit einer Minute Rückstand auf Kipchoge beim Halbmarathon auch noch auf einer Welklassezeit. Aber 1:02:07 waren nicht die anvisierten 1:01:30. Auch Kipsang hatte einen Angriff auf den Weltrekord angekündigt, die Aktion war spätestens hier erledigt. Nach 25 km begann der Sololauf des Eliud Kipchoge, vielleicht die eindrucksvollste Vorstellung eines Läufers in der langen Geschichte des Marathon auf der zweiten Hälfte. Am Ende sollte er die zweite Hälfte in eigentlich unfassbaren 1:00:34 zurücklegen, beim „Breaking2-Projekt“ in Monza war unter nicht Regel konformen Bedingungen nur ganze 4 Sekunden schneller gelaufen (und am Ende an den 2 Stunden gescheitert).

b-mar-2018-eliud-2-41hNach 25 km musste Kipchoge das Rennen an der Spitze ganz allein bestreiten. (c) S. Hartnett

Stets penibel auf der Blauen Linie laufend spulte Kipchoge jetzt hoch fokusiert sein Programm herunter. 30 km auf dem Hohenzollerdamm erreichte er nach 1:26:45. Das wäre eigentlich ein erster Weltrekord an diesem Tag gewesen, aber diesen hatte die IAAF gerade abgeschafft. Über 1:41:02 bei 35 km konnte Kipchoge immer noch zulegen, die km-Splits lagen jetzt um die 2:52/2:53 und 40 km erreichte er in 1:55:29, wo die Chipzeitnahme wieder einmal nicht an der korrekten Position erfolgte. Die Projektionen ins Ziel lagen bereits nach 31 km unter 2:02 Stunden, der Weltrekord war Kipchoge nun nicht mehr zu nehmen. Mit einem schnellen Finale von 40 km bis ins Ziel in 6:10 zerriss der Ausnahmeläufer das Zielband nach 2:01:39, ein FABEL-WELTREKORD!

b-mar-kipchoge-finishEliud Kipchoge läuft in Berlin einen Fabel-Weltrekord mit 2:01:39. (c) ARD/Screenshot (modifiziert)

Kipchoges Ausnahmeleistung belegen auch die Zeiten der Konkurrenz, die noch zum Sieg bei vielen Events gereicht hätten. Im Vergleich zur Siegerzeit war das aber bessere „Hausmannskost“. Der vermeintliche Hauptkonkurrent Wilson Kipsang wurde noch von Amos Kipruto passiert, der in 2:06:23 Zweiter wurde, erst dann kam Kipsang in 2:06:48 ins Ziel. Damit erreichte der Ex-Weltrekordler, der im übrigen bei seinem Weltrekordlauf 2013 dem Sieger die einzige Niederlage in einem Marathonlauf beibringen konnte, einmal wieder das Ziel, aber die Zeit entsprach auch nicht in Ansätzen seinen vollmundigen Ankündigungen einer Attacke auf den Weltrekord im Vorfeld. Auf Platz 4 lag bereits mit Shogo Nakamura (JPN) in 2:08:16 der Erste eines umfangreichen japanischen Kontingents, der erfolgreich der Serie schwacher Leistungen von Athleten seines Landes in Übersee trotzte. Erst dann kam als Fünfter Halbmarathon-Weltrekordler Zersenay Tadese ins Ziel mit einer Zeit von 2:08:46. Der Marathon in augenscheinlich nicht seine Disziplin.

Insgesamt gab es bei bestem Marathonwetter einen neuen Finisher-Rekord mit 40775 Läufern im Ziel, gut 44000 Teilnehmer hatten im Vorfeld einen Startplatz bekommen. Durch die beachtliche Siegerzeit von 2:18:11 bei den Frauen (siehe gesonderten Bericht) gab es einen neuen Rekord in der Kombinations-Wertung der Siegerzeiten von Männern und Frauen: 2:01:39 + 2:18:11 = 4:19:50. Hier hatte erst im April der London Marathon mit 4:22:48 eine neue Bestmarke, die jetzt Berlin im Sinne des Wortes hinwegfegte. Glanzlicht der Veranstaltung war aber sicher die Leistung von Eliud Kipchoge, der auch verdientermaßen das Konterfei der Medaille zierte.

Im Rahmen des Gesetzes der Serie mit den „5er-Jubiläen“ war sein Rekord schon fast zu erwarten, die Steigerung um 1:18 Minuten war aber derart unerwartet und sensationell, dass man seine Leistung ohne Zweifel mit der Fabelzeit von Paula Radcliffe von 2:15:25 bei den Frauen gleichsetzen kann. Paulas Marke hat seit 2003 keine Läuferin auch in Ansätzen gefährden können. Bei Eliud könnte das ähnlich sein, es sein denn, er macht noch einmal Jagd auf seinen eigenen Rekord.

proj-b-mar-2014-17-18Projizierte Zeit im Ziel als Funktion der Distanz des Siegers beim Berlin Marathon 2014 (WR), 2017 und 2018 (WR). Fazit: Die Tempomacher waren im Jahr 2018 eigentlich überflüssig. (c) H. Winter

Ergebnisse Marathon der Männer:
1. Eliud Kipchoge KEN 2:01:39
2. Amos Kipruto KEN 2:06:23
3. Wilson Kipsang KEN 2:06:48
4. Shogo Nakamura JPN 2:08:16
5. Zersenay Tadese ERI 2:08:46
6. Yuki Sato JPN 2:09:18
7. Okubay Tsegay ERI 2:09:56
8. Daisuke Uekado JPN 2:11:07
9. Wily Chanchanya PER 2:12:57
10. Bart Nunen NED 2:13:09
Die Splits des führenden Läufers (Eliud Kipchoge)
distance  split last km last 5 km projection
0,2 km 0:31 (2:34)
0,4 km 1:03 (2:37)
0,6 km 1:37 (2:41)
0,8 km 2:10 (2:43)
1 km 2:44 2:44 1:55:37
1,2 km 3:19 (2:46)
1,4 km 3:55 (2:48)
1,6 km 4:30 (2:49)
1,8 km 5:06 (2:50)
2 km 5:43  2:58  2:00:28
2,5 km 7:08 2:00:22
3 km 8:36 2:53 2:00:53
3,5 km 10:03 2:55 2:01:13
4 km 11:30 2:54 2:01:14
4,5 km 12:57 2:53 2:01:22
5 km 14:25  2:55 14:25 2:01:37
5,5 km 15:52 2:55 2:01:43
6 km 17:19  2:55 2:01:49
6,5 km 18:46 2:54 2:01:51
7 km 20:15 2:56 2:02:06
7,5 km 21:42 2:56 2:02:06
8 km 23:10 2:54 2:02:10
8,5 km 24:37 2:55 2:02:10
9 km 26:05 2:56 2:02:19
9,5 km 27:33 2:56 2:02:24
10 km 29:01  2:56  14:36 2:02:27
10,5 km 30:29 2:55 2:02:29
11 km 31:56 2:55 2:02:30
11,5 km 33:27 2:58 2:02:42
12 km 34:52 2:56  2:02:35
12,5 km 36:19 2:52 2:02:35
13 km 37:48 2:56  2:02:40
13,5 km 39:15 2:57 2:02:42
14 km 40:44 2:57 2:02:47
14,5 km 42:11 2:55 2:02:45
15 km 43:38 2:54  14:37 2:02:45
15,5 km 45:03 2:52 2:02:39
16 km 46:30 2:52 2:02:38
16,5 km 47:57 2:53 2:02:36
17 km 49:21 2:51 2:02:30
17,5 km 50:48 2:51 2:02:29
18 km 52:15 2:53 2:02:28
18,5 km 53:41 2:53 2:02:27
19 km 55:06 2:51 2:02:21
19,5 km 56:31 2:49 2:02:17
20 km 57:56 2:51  14:18  2:02:14
20,5 km 59:23 2:52 2:02:13
21 km  1:00:48 2:52 2:02:10
HM  1:01:05     2:02:11
21,5 km 1:02:14 2:51 2:02:08
22 km  1:03:42 2:54 2:02:11
22,5 km 1:05:08 2:55 2:02:10
23 km  1:06:35 2:53 2:02:09
23,5 km 1:08:02 2:53 2:02:09
24 km  1:09:30 2:55  2:02:11
24,5 km 1:10:57 2:55 2:02:12
25 km  1:12:25  2:55  14:28 2:02:13
25,5 km 1:13:52 2:54 2:02:13
26 km  1:15:18  2:53 2:02:12
26,5 km 1:16:43 2:51 2:02:09
27 km  1:18:09  2:52  2:02:08
27,5 km 1:19:37 2:54 2:02:09
28 km 1:21:04 2:54 2:02:09
28,5 km 1:22:31 2:54 2:02:09
29 km 1:23:55  2:51 2:02:05
29,5 km 1:25:21 2:51 2:02:05
30 km 1:26:45 2:50 14:20  2:02:00
31 km 1:29:40 2:55  2:02:02
32 km 1:32:28 2:48  2:01:55
33 km 1:35:21  2:53  2:01:55
34 km 1:38:13 2:52  2:01:53
35 km 1:41:02 2:50  14:18 2:01:49
36 km 1:44:00 2:57 2:01:54
37 km  1:46:52  2:52 2:01:53
38 km  1:49:46  2:54 2:01:53
39 km  1:52:39  2:53 2:01:53
40 km  1:55:29* 2:50  14:27 2:01:49
41 km  1:58:20  2:51  2:01:47
42 km  2:01:06  2:46  2:01:40
Marathon  2:01:39 0:33
 6:10 WR
* Timing mats at 40 km on wrong position, split corrected by – 3 sec

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Video bei YOUTUBE zur Geschichte des Berlin Marathon mit Horst Milde.